Aktuelle Nummer 20 | 2022
25. September 2022 bis 08. Oktober 2022

Schwerpunkt

Unbekanntes China

von Reto Stampfli

Das Gebaren der Grossmacht China gibt nicht erst seit der Belagerung Taiwans zu denken. In Zusammenhang mit dem aufstrebenden Riesenreich gibt es mehr Fragen als Antworten. Kaum eine andere Kultur ist dem Westen so fremd wie die chinesische. Auch über die religiöse Situation ist bei uns wenig bekannt.      

Fleissig und gefährlich: Über China und die Chinesen gibt es im Westen viele Vorurteile. Klischees werden oft unreflektiert kolportiert und das nicht nur in Boulevardblättern. Als «gelbe Gefahr» wird das grösste Volk auf Erden nicht selten despektierlich bezeichnet und in der Beurteilung über einen Kamm geschert. Hatten noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Philosophen Leibniz und Voltaire öffentlich vom «aufgeklärten Absolutismus» in China geschwärmt, kippte in der zweiten Hälfte das Pendel: Der Chinese galt nun als Feind. Doch das chinesische Volk, mit rund 1,4 Milliarden Menschen – das sind fast doppelt so viele wie in ganz Europa – ist komplex, hybrid und pluralistisch und kennt eine lange und bewegte Geschichte.     

Eine erstaunliche Geschichte
China gilt als Wirtschaftswunderland und ist auf dem besten Wege, an die Zeit ruhmreicher Entdeckungen anzuknüpfen. Traditionell waren Chinesen schon immer auf der Suche nach wissenschaftlichen Erfindungen. Die chinesischen Kaiser legten grossen Wert auf Literatur und Kunst. Die vier wichtigsten Erfindungen von Kompass, Schiesspulver, Buchdruck und Papier veränderten wesentlich die Entwicklung der ganzen Menschheit. In China erschienen bereits Bücher in Millionenauflage, als in Europa Manuskripte noch von Hand kopiert wurden. China verfügt jedoch neben den grossen Erfindungen auch über eine mindestens 3500 Jahre alte ununterbrochene Kulturtradition. Sie war in der Frühzeit geprägt von Schamanismus und Ahnenkult. Opferriten, der Glaube an Geister und Götter sowie Orakeltechniken hatten eine zentrale Bedeutung. Viele Menschen beten noch heute für die Ahnen und bringen ihnen Geschenke dar. Sie sind davon überzeugt, dass die Seelen der Verstorbenen von diesen Opfergaben leben. Zum Dank sollen sie ihre noch lebenden Kinder, Enkel und Urenkel beschützen. Das Reich der Mitte erlebte zahlreiche religiöse Bewegungen. Unter den vielen weisheitlichen Strömungen in der langen chinesischen Geschichte ragen zwei Richtungen heraus: die «Gelehrtenschule» sowie die «Dao-Schule», später von westlichen Forschern Konfuzianismus und Taoismus genannt.

Schulen der Weisheit
Seinen Namen kennen viele, seine Lehre ist jedoch ausserhalb von China kaum jemandem richtig bekannt: Kong Zi (wörtlich: «Meister Kong»), latinisiert zu Konfuzius (551–479 v. Chr.), gilt als Begründer des Konfuzianismus. Er war ein praktischer Philosoph, dessen Schule im 2. Jahrhundert v. Chr. ihren Siegeszug als staatstragende Lehre Chinas antrat. Im Zentrum der Lehre des Konfuzius steht das wahrhaft Menschliche. Mitmenschlichkeit ist nach Konfuzius zu verstehen als gegenseitige Rücksichtnahme, wie er sie in der Goldenen Regel erklärt: «Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen.» Eine Haltung, die ganz ähnlich auch im Neuen Testament vertreten wird. Der China-Experte Stefan Baron gibt dazu aber zu bedenken: «Zentrales Ziel der konfuzianischen Lehre ist es, das Zusammenleben so zu regeln, dass die Menschen in Harmonie miteinander und mit der Natur leben können. Konfuzius sieht den Menschen dabei nicht wie das Christentum als ein nach dem Ebenbild Gottes geschaffenes autonomes Individuum, sondern als Teil eines gesellschaftlichen Gesamtorganismus, in dem jeder Einzelne seinen festen Platz hat.» Ähnlich wirksam war die Dao-Schule: Laotse (ca. 571–471 v. Chr.) und sein Schüler Zhuangzi (369–286) lebten als Einsiedler. Die Grundlage dieser Tradition ist das «Dao de Jing» (Die Kraft des Weges), ein Werk, das Laotse zugeschrieben wird und von der Gesinnung des weisen Menschen handelt. Stefan Baron bemerkt dazu: «Dao (wörtlich: der Weg), der Begriff, der dem Taoismus seinen Namen gab, bezeichnet das kosmische Gesetz und den tiefsten Seinsgrund, das Entdecken des wahren Ich und Einswerden mit dem Universum durch die richtige Lebensführung, die Rückkehr zum natürlichen Ursprung, das Wiederfinden der Spontaneität, die durch Erziehung und Sozialisation verlorengehen, ein zurückgezogenes, unpolitisches, naturnahes, kontemplatives Leben fern des gesellschaftlichen Getriebes.» Anders als der Konfuzianismus betrachtet der Taoismus den Menschen nicht nur als Teil der Gesellschaft, sondern auch und vor allem als Individuum. Im Taoismus werden Rituale zu vielen Anlässen durchgeführt: zu den Geburtstagen der Lokalgötter, zur Restauration eines Tempels oder um eine neue Götterstatue einzuweihen. Ein Ritual kann bis zu neun Tage dauern und ist oft verbunden mit Theateraufführungen, Prozessionen und Opfergaben. Weit über 100 Millionen Chinesen folgen den Regeln Buddhas, dazu zählt auch die Minderheit der Tibeter. Die Eröffnung der Seidenstrasse im 2. Jahrhundert vor Christus begünstigte den Handel mit Zentralasien und ermöglichte die Einführung des Buddhismus in China. Nachdem sich der Buddhismus schnell verbreitete und zahlreiche Klöster entstanden, wurde er in mehreren Verfolgungswellen zurückgedrängt. In maoistischer Zeit, in den 1950er- und 1960er-Jahren, verschwand er fast vollständig. Wie andere Religionen erlebt er seit den späten 1970er-Jahren einen neuen Aufschwung.

Religionen unter Beobachtung 
Eigentlich herrscht in China Religionsfreiheit. Wie fast alle Länder Asiens kannte China eine lange Tradition des überwiegend harmonischen Miteinanders verschiedener Religionen. Das hat sich im 20. Jahrhundert wesentlich geändert; die Volksrepublik geht systematisch gegen religiöse Haltungen vor, die nicht den Ideen der «sozialistischen Gesellschaft» entsprechen. Vor allem Muslime und Christen bekommen das zu spüren. In Peking ist eine gewisse religiöse Aktivität zumindest noch möglich. Nicht so in Xin-
jiang, der Heimat des muslimischen Turkvolkes der Uiguren. Viele Moscheen dort sind geschlossen, religiöse Alltagsrituale verboten, Muslime sitzen in Umerziehungslagern. Es ist Parteichef Xi Jinping, der die Sinisierung der Religionen fordert. Danach stehen Religionen wie im Wettbewerb zum Kommunismus, sie sollen sich dem Sozialismus chinesischer Prägung unterordnen und ebenfalls der Partei dienen. Die grosse Mehrzahl der Han, die rund 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen, gehören keiner Religion an, ungefähr 50 Millionen bekennen sich zum Christentum. Nach Schätzungen von Experten sind rund 11 Millionen davon Katholiken. Als Minderheit haben die Katholikinnen und Katholiken mit rund 100 Diözesen dennoch eine landesweit funktionierende Kirchenstruktur. Die katholische Kirche kennt in China zwei Ausprägungen: Neben einer regimenahen und staatlich zugelassenen «Patriotischen Vereinigung» gibt es die sogenannte «Untergrundkirche» in Gemeinschaft mit dem Papst. Die «Patriotischen Christen» dürfen seit Ende der chinesischen Kulturrevolution (1966–1976) in einem eng abgesteckten Rahmen aktiv sein. Anders sieht es bei der «Untergrundkirche» aus. Hier kommt es immer wieder zu staatlichen Sanktionen gegen die Gläubigen. Priester und Bischöfe werden verhaftet und verschwinden von der Bildfläche. Es gibt auch keine Erlaubnis zum Bau von Kirchen. Seit der kommunistischen Machtübernahme gibt es bis heute keine offiziellen diplomatischen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl. Eine altbekannte chinesische Forderung ist, dass Rom zuerst seine Kontakte zu Taiwan abbrechen muss. Im Oktober 2020 wurde jedoch ein vorläufiges Abkommen verlängert, in dem die Bischofsernennungen geregelt wurden. In diesem Zusammenhang erkannte Papst Franziskus alle ohne seine Zustimmung geweihten Bischöfe an. Die Zahl der Bischöfe in China lag laut der Diözese Hongkong Ende 2020 bei rund 100, von denen 80 im Amt seien. Der China-Experte Stefan Baron resümiert in seinem lesenswerten Werk: «Wir können nicht einfach davon ausgehen, dass die Angehörigen dieser Kultur, schon gar nicht der ältesten und am tiefsten verwurzelten Kultur der Welt, unsere Erziehungsmethoden, Moralvorstellungen, Lebensformen, unsere Auffassung von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten sowie unsere Weltordnung früher oder später übernehmen werden.» China wird sich als Weltmacht nicht stillhalten. Auch wenn es etwas wenig spektakulär klingt: Es gilt in erster Linie eine «Kluft des Verstehens» zu überbrücken, um die Welt sicherer zu machen. Das unbekannte China näher kennenzulernen, das kann ein erster Schritt sein.  

Eine empfehlenswerte Lektüre ist das ­aktuelle Sachbuch «Die Chinesen. ­Psychogramm einer Weltmacht» von ­Stefan Baron und seiner Frau Guangyan ­Yin-Baron. Ullstein Taschenbuch, Berlin 2022 (6. ­Auflage), ISBN 978-3-548-06132-0.