Aktuelle Nummer 25 | 2022
04. Dezember 2022 bis 17. Dezember 2022

Editorial

Stabilitas loci

Religiosität und Kirchlichkeit sind schon lange nicht mehr das Gleiche. Die Vorgaben und Lehren der institutionalisierten Kirchen und Gemeinschaften scheinen dem modernen und bindungsscheuen Menschen immer mehr zu widerstreben. Man will zwar nicht ganz auf spirituelle Momente verzichten, doch die sollen in einem selbst gewählten und unverbindlichen Rahmen erfolgen. Der moderne Glaubensmix vieler Zeitgenossen ist ein Flickenteppich mit Versatzstücken aus den unterschiedlichsten Weltanschauungen und Jenseitsdeutungen. Es herrscht also nicht ein totaler Verlust an Religiosität vor, wie er seit dem 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Säkularisierung vielstimmig prophezeit wurde, man kann jedoch auch nicht von einem grossflächigen Comeback der Religionen sprechen, wie es noch vor ein paar Jahren zu vernehmen war.

Zweifellos praktizieren immer mehr Menschen Religion als Patchwork und fühlen sich vordergründig wohl dabei. Der Glaube, der in diesem Wahlverfahren zusammengeschustert wird, der darf auf keinen Fall anstrengend sein. Er sollte, wenn möglich, uns auch nicht im gemeinschaftlichen Sinn einbinden, sondern ein fast ausschliesslich individuelles Phänomen darstellen. Wie es scheint, ist lebenslange Kontinuität kaum mehr aushaltbar für das moderne Subjekt, Traditionen und Bräuche sind zwar eine willkommene Abwechslung zum Alltag, jedoch nur noch selten eine sinnstiftende Stütze und Leitplanke des eigenen Lebensvollzugs. In diesem relativen und beliebigen Umfeld hat die katholische Kirche einen schweren Stand. Die sogenannte «postmoderne Beliebigkeit» ist vielerorts zur Tatsache geworden und steht in vielen Aspekten diametral den katholischen Glaubensvorstellungen gegenüber. Noch extremer erscheint die Situation, wenn das Leben in den Klöstern ins Auge gefasst wird. Ein lebenslanges Verbleiben in einer Gemeinschaft, das stellt für viele Zeitgenossen eine schiere Unmöglichkeit dar. Stabilitas loci, die dauerhafte Bindung einer Nonne oder eines Mönchs an ein Kloster, wie es zum Beispiel die Schwestern im Kloster Namen Jesu geschworen haben, erscheint wie eine Provokation für den umtriebigen Menschen des 21. Jahrhunderts. Zum 400-Jahr-Jubliäum der Kloster-
kirche wirft das Kirchenblatt einen Blick über die Klostermauern, verbunden mit einer spannenden Reise durch vier Jahrhunderte Spiritualität und Kirchengeschichte. Ein Leben, ganz und gar im Namen Jesu. 

Reto Stampfli