Reto Stampfli | Chefredaktor
Editorial
Was bringt der Advent?
Religiosität und Kirchlichkeit sind in der westlichen Welt schon lange nicht mehr das Gleiche. Die Vorgaben und Lehren der institutionalisierten Kirchen und Gemeinschaften scheinen dem modernen Menschen immer mehr zu widerstreben. Man will zwar nicht ganz auf spirituelle Momente verzichten, doch die sollen in einem selbst gewählten und unverbindlichen Rahmen erfolgen. Der moderne Glaubensmix vieler Zeitgenossen ist ein Flickenteppich mit Versatzstücken aus den unterschiedlichsten Weltanschauungen und Jenseitsdeutungen. Zweifellos praktizieren immer mehr Menschen Religion als Patchwork und fühlen sich vordergründig wohl dabei. Wellness-Angebote mit spirituellem Background stehen hoch im Kurs. Der Glaube, der in diesem Wahlverfahren zusammengestellt wird, der darf auf keinen Fall anstrengend sein. Er sollte, wenn möglich, uns auch nicht im gemeinschaftlichen Sinn einbinden, sondern ein fast ausschliesslich individuelles Phänomen darstellen. Wie es scheint, ist lebenslange Kontinuität kaum mehr aushaltbar, Traditionen und Bräuche sind – gerade in der Advents- und Weihnachtszeit – eine willkommene Abwechslung zum Alltag, jedoch nur noch selten eine sinnstiftende Stütze und Leitplanke des eigenen Lebensvollzuges.
In diesem relativen und beliebigen Umfeld hat die katholische Kirche mit ihren Aktivitäten einen schweren Stand. Die sogenannte «postmoderne Beliebigkeit» ist vielerorts zur Tatsache geworden und steht in vielen Aspekten diametral den katholischen Glaubensvorstellungen gegenüber. Wie soll also der moderne Mensch überhaupt noch angesprochen werden? Soll sich die Kirche diesen vorherrschenden Gegebenheiten anpassen oder sich in ihre «theologische Burg» zurückziehen? Es sind gerade kirchliche Feste wie Adventsfeiern, Sankt Nikolaus oder eine Kinderweihnacht, bei denen diese Spannungen voll und ganz zum Tragen kommen. Wie kann anspruchsvolles theologisches Grundwissen erfolgreich Drittklässlern erklärt werden, wenn es bereits bei den Eltern immer mehr auf Unverständnis stösst? Das ist eine Aufgabe, mit der sich kirchliche Mitarbeiter regelmässig konfrontiert sehen; eine Aufgabe, die oft unlösbar zu sein scheint, andererseits jedoch im wohlwollenden und fairen Dialog die Lebendigkeit unseres Glaubens garantiert.
Mit adventlichen Grüssen
Reto Stampfli