Editorial

Der heilige «Spinner»

Die sterblichen Überreste des Heiligen Franz von Assisi sind erstmals nach fast acht Jahrhunderten für die breite Öffentlichkeit zu sehen – und der Ansturm ist enorm. Vor der Basilika San Francesco in Assisi bildeten sich lange Schlangen. Der Aussteiger aus Assisi fasziniert mit seinem radikalen Leben bis heute. Fast 400 000 Menschen haben sich im Vorfeld für die Ausstellung, die bis zum 22. März 2026 dauert, angemeldet. Der Sohn eines umbrischen Tuchhändlers wird als lebensfroher Jugendlicher beschrieben. Doch dann zog er in den Krieg, sah seine Freunde sterben, tötete selbst – und alles wurde anders. Doch wenn wir ehrlich sind, dann sind seine Vita und der Bruch darin für uns alles andere als einfach verständlich und nachvollziehbar, denn der heilige Franz ist auf keinen Fall ein «Wohlfühl-Heiliger». Gerade in unserer vom Konsum geprägten westlichen Welt muss seine Haltung als Provokation und Herausforderung empfunden werden. Einer, der alles verschenkt, einer, der ohne materielle Güter Erfüllung finden will – was ist denn das für einer? Der hat doch eine Schraube locker, könnte man salopp antworten. Und es erstaunt nicht, dass mehrere psychologische Untersuchungen, erstellt von Psychiatern des 20. und 21. Jahrhunderts, Franz von Assisis Kehrtwendung als «skurril» oder «bizarr» bezeichnen, von «einer Reihe von Pathologien» sprechen und bei ihm «eine erhebliche geistig-seelische Erkrankung» fern-diagnostizieren.

Eines ist klar: Giovanni Battista Bernardones Wirken und Haltung polarisieren bis heute. Doch nicht wenige Menschen fühlen sich von seinem Werdegang angesprochen. Vielleicht können wir ja auch «Spinner» – und das in einem positiven Sinne – werden, nicht, in dem wir Franz von Assisi eins zu eins kopieren, jedoch seine bahnbrechenden Impulse auf unser Leben wirken lassen. Die Fastenzeit bietet eine gute Gelegenheit dazu. So wie das Leben von Franz von Assisi nicht einfach zu verstehen ist, so sind auch seine Überzeugungen nicht einfach ins Hier und Jetzt zu übertragen. Mich haben jedoch von Anfang an seine Dankbarkeit und Lebensfroheit als Grundhaltungen und Lebenskraftzentren angesprochen. Franz von Assisi ist ein froher Heiliger, weil er sich ein Gespür dafür bewahrt hat, trotz aller dunklen und schweren Erfahrungen auch reich beschenkt zu sein. Er ist nicht dankbar, weil er immer nur froh ist, sondern er ist froh, weil er das Danken nicht verlernt hat.

Herzliche Grüsse 
Reto Stampfli