Urban Fink-Wagner | Chefredaktor-Stellvertreter
Editorial
«Die Kirche erwacht in den Seelen»
Vor 100 Jahren machte die römisch-katholische Kirche gegen aussen einen gefestigten und gut organisierten Eindruck. Geistliche und Laien bauten ein engmaschiges Netz von Institutionen, Verbänden und Jugendorganisationen auf. Katholikentage machten die Kirche gesamtgesellschaftlich sichtbar. Das katholische Milieu ermöglichte es, das Leben eines Christen von der Wiege bis zur Bahre abzudecken. In der starken Präsenz und der organisatorischen Dichte steckte aber auch eine Ambivalenz: Der Fokus auf Zahlen, äussere Geschlossenheit und soziale Kontrolle schuf auch Ausgrenzung und war nur bedingt ein Anstoss für die Weiterentwicklung des persönlichen Glaubens. Nach 1945 zerfiel das katholische Milieu rasch, und die Entkirchlichung nach dem Zweiten Weltkrieg war ein Stück weit eine zu erwartende Gegenbewegung nach einer intensiven Verkirchlichung, wie dies vor 1850 noch nie der Fall gewesen war.
Heute sieht die römisch-katholische Kirche in der Schweiz anders aus. Sie kann sich nicht mehr auf soziale Kontrolle und gesellschaftliche Macht stützen, sondern ist auf die Glaubensentscheidung jeder Christin und jedes Christen angewiesen. Wir müssen von der gewohnten Kirche Abschied nehmen und den Karfreitag, der auch der Kirche aufgezwungen ist, auch institutionell durchleiden. Dazu gehört auch das Loslassen von dem, was früher Hilfe und heute Ballast ist. Die gern verdrängten und durchaus schmerzhaften Veränderungen eröffnen jedoch neue Chancen: Eine kleinere und demütigere Kirche, die nahe bei den Menschen ist, ist authentisch. Wenn sie den Mut hat, ihren Glauben offen und glaubwürdig zu leben, kann sie auch in der heutigen Zeit wieder innerlich stark werden. Dafür sind nicht Organisationsgrad, Grösse und gesellschaftliche Bedeutung das Wichtigste, sondern die Tiefe des Glaubens, der Mut, die Menschen zu begleiten, und die Bereitschaft, Gott und den Menschen zu dienen.
Haben wir den Mut, Christus ins Zentrum zu stellen und gerade in diesen Fastentagen den Weg auf Ostern hin mit ihm zu gehen. Aus diesem Mitgehen wächst Vertrauen und Hoffnung, sodass Zukunft möglich wird. Dann kann das geschehen, was Romano Guardini schon 1922 festgehalten hat: «Die Kirche erwacht in den Seelen.»
Ich wünsche Ihnen besinnliche Kartage und ein frohes Osterfest, das uns Freude und Frieden bringen möge.
Mit herzlichen Grüssen
Ihr Urban Fink-Wagner