Schwerpunkt

John Henry Newman und Marcel Lefebvre

von Urban Fink-Wagner

Der Weg von John Henry Newman in die katholische Kirche

Der Weg von John Henry Newman (1801–1890) in die katholische Kirche gehört zu einem der bedeutendsten geistlichen Ereignisse des 19. Jahrhunderts. Geboren in London, wuchs Newman in der anglikanischen Tradition auf und wurde früh Fellow am Oriel College in Oxford. Als anglikanischer Priester und Universitätslehrer gewann er grossen Einfluss auf das kirchliche Leben Englands und galt als herausragende Persönlichkeit.

In den 1830er-Jahren wurde Newman zu einer führenden Gestalt der sogenannten Oxford-Bewegung. Diese Reformbewegung innerhalb der anglikanischen Kirche wollte die katholischen Wurzeln des Anglikanismus neu betonen. In seinen berühmten «Traktate für die Zeit» argumentierte Newman, dass die anglikanische Kirche in apostolischer Kontinuität zur alten Kirche stehe. Doch je intensiver er die Kirchenväter studierte, desto stärker wuchs in ihm der Zweifel, ob diese Kontinuität tatsächlich gegeben sei.

Entwicklung des Dogmas und der Kirche
Ein entscheidender Schritt war seine Schrift «Versuch über die Entwicklung der christlichen Lehre» (1845). Darin beschrieb Newman die Idee, dass sich die Lehre der Kirche organisch entfaltet, ohne ihren ursprünglichen Kern zu verlieren. Diese Einsicht führte ihn zu der Überzeugung, dass die römisch-katholische Kirche die legitime Trägerin dieser Entwicklung sei.

Aufnahme in die katholische ­Kirche
Am 9. Oktober 1845 wurde Newman in Littlemore vom Passionistenpater Dominikus Barberi in die katholische Kirche aufgenommen. Dieser Schritt bedeutete für ihn einen tiefen persönlichen Einschnitt: Er verlor viele Freunde, seine akademische Stellung und gesellschaftliche Anerkennung. Dennoch verstand er seine Konversion als Akt des Gehorsams gegenüber der erkannten Wahrheit.

Newmans Weg war kein plötzlicher Bruch, sondern ein langsamer, von Gebet, Studium und innerem Ringen geprägter Prozess. 1847 empfing er in Rom die katholische Priesterweihe und gründete in England das Oratorium des heiligen Philipp Neri. Sein Wirken war geprägt von geistlicher Tiefe, intellektueller Redlichkeit und pastoraler Klugheit. Allerdings hatte er auch innerhalb der katholischen Kirche Gegner, vor allem aus ultramontanen Kreisen, die seine Katholizität infrage stellten. Von 1859 an erlebte er manche Jahre der Dunkelheit und des Unverständnisses. Er schrieb in sein Tagebuch: «Als hätte ich diese Jahre vergeudet, seit ich katholisch geworden bin.»

Kardinal, Heiliger und Kirchenlehrer
Umso überraschender war seine 1879 erfolgte Kardinalserhebung durch Papst Leo XIII., die vielfach als eine Art Rehabilitation Newmans verstanden wurde. Newman lieferte wichtige theologische Anstösse – etwa zur Entwicklung der Lehre, zur Bedeutung des Gewissens, zur Rolle der Laien sowie zum Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft –, die später auch im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) eine grosse Rolle spielten.

2019 wurde er von Papst Franziskus heiliggesprochen. Papst Leo XIV. würdigte John Henry Newman, indem er ihn 2025 zum Kirchenlehrer ausrief und damit dessen Bedeutung für die Kirche und die Theologie nochmals hervorhob.

Newmans Lebensweg gilt bis heute als Beispiel für die ernsthafte Suche nach Wahrheit und Gewissensgehorsam – auch um den Preis persönlicher Opfer. Newman verstand die Entwicklung des Glaubens nicht als Verrat an der Vergangenheit, sondern als lebendiges Wachstum.

Fraternita Sacerdotale

Nicht erlaubte Bischofsweihe von Marcel Lefebvre am 30. Juni 1988 in Ecône.

 

Der Weg von Marcel Lefebvre aus der katholischen Kirche

Will man Marcel Lefebvre (1905–1991) begreifen, muss man mit der Französischen Revolution von 1789 beginnen. Damals zerbrachen in Frankreich die katholische Mo­narchie und das enge Bündnis zwischen Staat und Kirche. Nach Ansicht Lefebvres und seiner Anhänger hat sich die Welt seither in eine falsche Richtung entwickelt.

Lefebvre wurde in Frankreich geboren und studierte Theologie in Rom. Er war An­hänger der 1926 vom Vatikan verbotenen «­Action française», die eine Wiederherstellung der katholischen Monarchie in Frankreich anstrebte. Lefebvre trat später der Kongregation der Spiritaner bei, wurde 1947 zum Bischof geweiht und Apostolischer Delegat für Französisch-Afrika. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) gehörte er zu den führenden Vertretern der konservativen Minderheit und unterschrieb alle Konzilsdokumente. Die Erklärungen über die Religionsfreiheit und die Ökumene sowie die Liturgiereform lehnte er jedoch ab.

Unerlaubte Gründung der ­Priesterbruderschaft St. Pius X
1970 gründete er die Priesterbruderschaft St. Pius X. und liess sich in Fribourg nieder. Bischof François Charrière erkannte die Bruderschaft zunächst als frommen Verein an. Obwohl damit kein Recht zur Priesterausbildung verbunden war, gründete Lefebvre in Ecône (VS) ein Priesterseminar – entgegen der Abmachung mit dem Walliser Bischof Nestor Adam, die Seminaristen in Fribourg auszubilden.

1971 lehnte Lefebvre das neue römische Messbuch ab und verlangte später von allen, die «treu katholisch» bleiben wollten, diese Haltung zu teilen. 1972 distanzierte sich die Französische Bischofskonferenz von der Piusbruderschaft, später auch die Schweizer und die Deutsche Bischofskonferenz. 1975 entzog der Fribourger Bischof Pierre Mamie im Auftrag Roms der Bruderschaft jegliche kirchliche Anerkennung. Nach unerlaubten Priesterweihen untersagte Papst Paul VI. Lefebvre 1976 jede Ausübung seines priesterlichen und bischöflichen Amtes.

Unerlaubte Bischofsweihen
Der entscheidende Konflikt folgte 1988. Trotz Gesprächen mit Papst Johannes Paul II. und nach einer in Rom unterschriebenen Vereinbarung, die Lefebvre kurz darauf widerrief, weihte er am 30. Juni 1988 in Ecône ohne päpstliche Zustimmung vier Bischöfe. Nach katholischem Kirchenrecht zieht eine solche Handlung automatisch die Exkommunikation nach sich, also den Ausschluss aus der vollen kirchlichen Gemeinschaft.

Zweideutigkeit und ­Klerikalismus als Programm
Lefebvre bestritt bis zu seinem Tod 1991, die Kirche verlassen zu haben. Er sah sich als Verteidiger der wahren Tradition gegen vermeintliche Irrtümer und rechtfertigte sein Handeln mit einem «Notstand» in der Kirche.

Von den vier 1988 irregulär geweihten Bischöfen sind inzwischen zwei verstorben. Die Piusbruderschaft drohte in jüngster Zeit erneut mit Bischofsweihen, was zu Gesprächen mit dem Vatikan führte – wie zu erwarten ohne Erfolg. Zwar betont die Bruderschaft ihre Treue zum Papst, stellt jedoch ihre eigenen Positionen faktisch über die Lehre des Papstes und der Kirche. Die Treueschwüre werden durch den Ungehorsam überlagert.

Sollten die für den 1. Juli 2026 angekündigten Weihen vollzogen werden, schlies­sen sich die Weihespender und Weiheempfänger erneut automatisch aus der vollen kirchlichen Gemeinschaft aus.

Der Konflikt mit der Piusbruderschaft ist letztlich kein Streit um Einzelfragen, sondern um die Hauptfrage, ob die Treue zur Kirche auch die Anerkennung ihrer Autorität und ihrer Glaubenslehre einschliesst.