Schwerpunkt

Glaubst du das?

von Reto Stampfli

Ostern ermutigt Christinnen und Christen, an die Kraft des Glaubens und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu glauben. Die Auferstehung Jesu Christi zeigt, dass selbst in den dunkelsten Stunden des Lebens Hoffnung besteht. Doch kann man das alles wirklich glauben? 

Kürzlich resümierte in einer angeregten Gesprächsrunde eine ältere Dame: «Ich würde gern an Gott glauben, aber ich kann es nicht.» Um ihre Aussage zu bekräftigen, zählte sie daraufhin mehrere Gründe auf, die sie in ihrer Position des «Nichtglaubens» bestärkten. Es entbrannte ein kontroverses Gespräch, in dem unterschiedlichste Positionen und Erfahrungen diskutiert wurden. In diesem sehr persönlich geprägten Austausch über den Glauben war von Unklarheit, Illusion und sogar Täuschung die Rede, aber auch von Halt, Zuversicht und Kraft; die einen waren in ihren Aussagen vom Zweifel geprägt, die anderen fühlten sich durch ihr Vertrauen bestärkt.  

Vertrauen und Glauben
Die Begriffe Glauben und Vertrauen sind zwar eng miteinander verwandt – aber nicht identisch. Vertrauen basiert auf Erfahrung, Beobachtung oder Beziehung. So vertraue ich zum Beispiel einem Freund, weil er sich bisher als ehrlich gezeigt hat. Der Glauben geht noch einen Schritt weiter: Ich halte etwas für wahr, auch wenn ich es nicht vollständig beweisen kann, oft Dinge, die über direkte Erfahrung hinausgehen, wie etwa religiöse Überzeugungen. So bedeutet im christlichen Sinn «Glauben» deutlich mehr als nur «etwas für wahr halten». Es ist eine Kombination aus Vertrauen, Beziehung und Lebenshaltung. Es ist ein persönliches Vertrauen auf Gott, das das Denken, Fühlen und Handeln prägt. »Glaube(n)« ist ein vieldeutig schillerndes Wort. Im Sprachgebrauch der Bibel bezeichnet es nicht ein Wissen mit geringerem Sicherheitsgrad, sondern das unerschütterliche Vertrauen auf Gott und seine Heilszusagen. Vertrauen ist die Grundlage des Glaubens. Die christliche Glaubensgemeinschaft bekennt in diesem Zusammenhang Jesus Christus als ihren unbestrittenen Vertrauensmann. Glauben bedeutet, ihn als Retter anzunehmen und sich an seinem Leben und seinen Lehren zu orientieren. Dabei kann man Fakten über den Glauben kennen, ohne schlussendlich wirklich zu glauben. Der christliche Glauben ist darum immer ein inneres «Ja» – eine bewusste Entscheidung, Gott Raum im eigenen Leben zu geben. Oder mit den Worten des Heidelberger Theologie-Professors Wilfried Härle: «Wie Liebende einander nicht besitzen und über ihre Liebe zueinander nicht verfügen, so ist es auch mit dem Glauben an Gott. Wir haben ihn nur, indem er uns immer wieder zuteilwird.» 

Zweifel und Unsicherheit
Doch der Glauben schliesst Zweifel nicht aus. Viele Christen verstehen Glauben gerade darin, auch mit offenen Fragen an Gott festzuhalten. Diese Gewissheit bleibt begleitet von der Stimme des Zweifels, die von aus­sen und von innen kommt – sei es als Gegengewissheit oder als blosse Infragestellung, wie zum Beispiel: «Kann man auf Gott wirklich vertrauen?» Gerade die biblischen Ostererzählungen sind von Zweifeln und Zweiflern geprägt: Das zeigt sich nicht erst beim «ungläubigen» Thomas, sondern schon bei Matthäi am Letzten (Mt 28,17) und auch bei den anderen Evangelisten (Mk 16,11 oder Lk 24,11). Darum sind wir gut beraten, unsere Zweifel nicht zu verdrängen oder zu verleugnen. Vielleicht ist ja niemand so bedroht vom Zweifel wie diejenigen, die ein Leben lang mit der biblischen Botschaft vertraut waren und dabei auch in der Gefahr gerieten, abzustumpfen oder nur noch zu funktionieren. Unsicherheit wird schnell als Schwäche ausgelegt. Dabei schafft ein offener Umgang mit Zweifeln erst die Grundlage für gute Entscheidungen.

Auferstehung als ­Herausforderung
Wir sehen im Jahr 2026 kein leeres Grab mehr, an dessen Botschaft wir glauben könnten. Die beiden Geschichten, die in der Osternacht beziehungsweise am Ostersonntag in den Evangelien gelesen werden, beschreiben, dass der Glaube an die Auferstehung eine Herausforderung sondergleichen ist. «Einfach so» zu glauben, gelingt nicht einmal den Jüngern, den engsten Begleitern Jesu. Darum wird die Ostergeschichte seit 2000 Jahren in den Evangelien überliefert und immer wieder neu ausgelegt, erklärt, interpretiert. Nicht nur der Apostel Paulus hat sich Vergleiche einfallen lassen, um die Botschaft der Auferstehung zu erklären. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich zahlreiche Bräuche und Traditionen ausgebildet, die das Osterfest symbolisieren. Osterfeuer, Osterkerze und Osterlamm machen die Auferstehung zwar nicht greifbar, aber sie können helfen, die Botschaft zu verstehen. In der Liturgie der Osternacht symbolisiert das Feuer Christus, das Licht der Welt. Dieses Licht und die damit verbundene Hoffnung für unser Leben zeigt auch die Osterkerze, die verbrennt und sich damit opfert, wie Christus sich für die Menschen geopfert hat.  

Was glaubst du?
Die Frage wirkt simpel, aber sie geht tief. «Glaube» ist nicht nur etwas, das man hat – er entsteht aus einer Mischung aus Erfahrung, Überzeugung, Umfeld und bewusster Entscheidung. Man kann nie gezwungen werden, etwas wirklich zu glauben. Etwas blind nachzusprechen oder äusserlich mitzumachen, das geht, aber echter Glaube – egal ob religiös oder weltanschaulich – passiert im Inneren und aus Überzeugung. Bei Glaubensfragen gibt es keine eindeutigen Beweise wie in der Mathematik. Der Glaubende muss selber Stellung beziehen. Diese Lücke zwingt zur persönlichen Entscheidung, dabei haben Familie, Kultur oder Religion einen prägenden Einfluss. Trotzdem sieht man ständig Menschen, die ihren Glauben ändern oder ganz ablegen. Das zeigt: Am Ende trifft jeder selbst die Entscheidung. Denn Glauben heisst nicht nur «für wahr halten», sondern auch vertrauen. Und Vertrauen ist immer freiwillig. Jeder entscheidet, worauf oder auf wen er oder sie sich einlässt oder mit den Worten des Hebräerbriefes: «Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.» (Hebr 11,1)  

Glauben und Wissen 

Der Dominikanermönch Thomas von Aquin hat bereits im 13. Jahrhundert eines der einflussreichsten Modelle zum Verhältnis von Glauben und Wissen entwickelt – und er versucht nicht, die beiden Bereiche gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander zu versöhnen. Für ihn gilt: Die Wahrheit ist eine Einheit. Da sowohl der Glaube (Offenbarung Gottes) als auch die Vernunft (menschliches Denken) von Gott stammen, können sie sich im Kern nicht widersprechen. Wenn es doch so aussieht, liegt der Fehler entweder im falschen Verständnis der Offenbarung oder in einem Denkfehler der Vernunft. 

Thomas unterscheidet klar zwischen Wissen (scientia) und Glaube (fides). Die Vernunft kann den Glauben vorbereiten und gewisse Wahrheiten über Gott erkennen, aber die tiefsten Glaubensgeheimnisse bleiben nur durch Offenbarung zugänglich. «Gnade baut auf Natur auf», ist in diesem Zusammenhang ein berühmtes Dictum von Thomas und bedeutet: Der Glaube ersetzt nicht das Denken, sondern führt es weiter und bringt es zur Vollendung. Für den Mittelaltergelehrten gibt es eine Hierarchie, aber keine Feindschaft: Das Wissen ist sicherer (weil bewiesen), doch der Glaube ist höher, weil er sich auf Gott selbst stützt.