Jugend

Dreizehn Leben, eine Frage: Wohin mit der Zukunft?

von Alina Nussbaumer

Dreizehn Jugendliche stehen am selben Punkt – und merken, wie unterschiedlich sich derselbe Moment anfühlen kann.

Um zu verstehen, was «Keiner bleibt zurück» erzählt, lohnt es sich, an diesen einen Abschnitt im Leben zurückzudenken, in dem alles gleichzeitig möglich und nichts wirklich klar war. Die Schulzeit endet, die Struktur fällt weg, und plötzlich ist da diese offene Fläche, die Zukunft heisst. Genau hier setzt der Roman von Michèle Minelli an: nicht mit grossen Ereignissen, sondern mit einem Zustand.

Eine Klasse, dreizehn Jugendliche, dreizehn Perspektiven. Was sie verbindet, ist weniger die Freundschaft als vielmehr die Situation, in der sie sich befinden. Bewerbungen werden geschrieben, Gespräche geführt, Erwartungen formuliert. Doch hinter diesen äusseren Abläufen arbeiten ganz andere Prozesse: Zweifel, Ängste, Hoffnungen, die sich oft nicht in Worte fassen lassen.

Michèle Minelli entscheidet sich bewusst gegen eine klassische Erzählstruktur und verzichtet auf eine zentrale Hauptfigur. Es entsteht ein Gefolge von Stimmen, Momentaufnahmen und inneren Monologen. Dadurch rückt weniger die Frage in den Vordergrund, was passiert, sondern vielmehr, wie es sich anfühlt. Und dieses Gefühl ist selten einfach zu beschreiben.

Auffällig ist, wie ernst der Text seine Figuren nimmt. Niemand wird reduziert, ­niemand dient nur als Beispiel. Jeder trägt seine eigene Geschichte, seine eigenen Voraussetzungen mit sich. Und genau darin zeigt sich auch die Ungleichheit, die leise, aber doch konstant mitschwingt. Nicht alle starten am selben Punkt, nicht alle haben dieselben Möglichkeiten.

Der Titel wirkt dabei fast wie ein Versprechen, das sich im Verlauf der Handlung zunehmend als brüchig erweist. «Keiner bleibt zurück» – das klingt nach Gemeinschaft, nach Sicherheit, nach Zusammenhalt. Doch der Roman stellt die Frage, ob ein solches Versprechen überhaupt eingelöst werden kann.

Am Ende bleibt keine Lösung, sondern eine Erkenntnis: Der Übergang ins Erwachsenenleben ist kein klarer Schnitt von heute auf morgen, sondern ein Prozess. Einer, der Zeit braucht. Und Mut.