Reto Stampfli | Chefredaktor
Editorial
Eine Geschichte über eine Geschichte
Vor Jahren hatte ich das grosse Glück, einen Abend mit einem Theologen verbringen zu können, der sich als profunder Kenner der deutschsprachigen Literatur zu erkennen gab. Professor Karl-Josef Kuschel (*1948) hat ein Leben lang seine Aufmerksamkeit der Literatur gewidmet: persönlich und in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre. Als Autor und Professor in Tübingen hat er stets versucht, die Wechselwirkung zwischen der religiösen und profanen Literatur zu erforschen. Dabei hat er immer wieder darauf hingewiesen, dass die Bibel einen «ungeheuren Stoff» für eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller bietet: Biblische Sprachformen, Stoffe, Motive und Figuren inspirieren und wecken literarische Kreativität. Und umgekehrt verleihen Dichter und Literaten der Bibel durch ihre Werke quer durch die Jahrhunderte Anschaulichkeit und Lebenswirklichkeit.
Peter Bichsel hat sich zwar nie als religiöser Autor im engeren Sinn verstanden, aber die Bibel spielte in seinem Denken und Schreiben durchaus eine Rolle – eher kulturell, sprachlich und philosophisch als dogmatisch. Bichsel war stark an einfacher, klarer Sprache interessiert; genau das findet man auch in vielen biblischen Texten (vor allem in den Gleichnissen). Wie in der Bibel steckt hinter einfachen Sätzen oft eine tiefere Bedeutung. Bichsel schätzte die Kraft von einfachen Geschichten mit grosser Wirkung und nutzte bewusst eine «naive» Erzählweise, wie zum Beispiel in seinen berühmten «Kindergeschichten», die in einigen Aspekten an religiöse Lehrgeschichten erinnern. Obwohl der Solothurner Autor eine kritisch-distanzierte Haltung zur institutionalisierten Kirche hatte, war er gegenüber religiösen Themen sehr offen. Er schätzte die Bibel als eines der ältesten Erzählwerke der Welt – und sah sich als Erzähler selbst durch ihre Texte inspiriert. In seinen «Frankfurter Poetik-Vorlesungen» aus dem Jahr 1982 schreibt er dazu: «Literatur entsteht nur in der Literatur – da gibt es keinen ersten, da gibt es nur die reflektierenden Nachahmer. (...) Eine Geschichte ist immer auch eine Geschichte über eine Geschichte.» In dieser Ausgabe kommt der vor einem Jahr verstorbene Grossmeister der kleinen Form noch einmal zu Wort.
Herzliche Grüsse
Reto Stampfli