Editorial

Der Schatten des Kreuzes

«Die spinnen, die Römer!», dieser berühmte Ausspruch von Obelix, dem wohlgenährten Comic-Gallier, kennt jedes Kind. Historisch betrachtet müsste man diese provokative Aussage jedoch eher den Römern in den Mund legen, wenn es um ihre Einschätzung der frühen Christen und ihrer «abstrusen Glaubensvorstellungen» ging. Ihre Götterwelt verkörperte Macht, Reichtum, Genuss, Lust und Unsterblichkeit. So ist es kaum erstaunlich, dass für sie die christliche Botschaft vom ohnmächtigen, besitzlosen und schlussendlich hingerichteten Gottessohn eine Unmöglichkeit darstellte. Ein Gekreuzigter als Inbegriff der Liebe Gottes? Für die Kritiker der Antike war es eine Eselei und auch für viele moderne Erfolgsmenschen kann es noch heute eine Peinlichkeit darstellen.

Der antike Spötter Lukian von Samosata bezeichnet die Christen als «Verrückte». In seiner Schrift zum Tod des Wanderphilosophen Peregrinus spricht er ihnen die Zurechnungsfähigkeit ab, da sie einen «gekreuzigten Sophisten» anbeten würden. Einen Verführer, der am Schluss seiner kurzen Karriere elendiglich scheitert. Hinter diesen abschätzigen Äusserungen steht eine Einschätzung, mit der sich die Christen in der Antike offenbar regelmässig konfrontiert sahen. Seinen augenfälligsten Ausdruck findet dieses Vorurteil in einem Graffiti auf dem Palatin in Rom: Dort fand man ein Spottkruzifix, das ein ursprünglich antijüdisches Stereotyp aufgreift und es dadurch christianisiert, dass man einen Esel ans Kreuz hängt, der von einem Gläubigen angebetet wird. Das Kreuz wurde auch von den Anhängern der neuen Religion als Bürde und Provokation empfunden, es warf einen Schatten auf sie. Jahrhunderte lang trauten sich die Christen nicht, das Kreuz als Zeichen ihres Glaubens zu verwenden. Erst das Konzil von Ephesos im Jahr 431 legt das Kreuz als christliches Symbol fest. Das Kreuz an und für sich ist jedoch ein uraltes, vorchristliches Symbol, in dessen Einzelkomponenten die horizontale Linie für die Erde steht und die Vertikale auf den Himmel hinweist. Das Zusammenfügen der beiden Linien zu einem Kreuz versinnbildlicht die Verbindung von Himmel und Erde. Das christliche Kruzifix, authentisiert durch den Leib des getöteten Jesus, erhält jedoch zusätzlich einen ganz spezifischen Inhalt: Gott ist in Jesus von Nazareth tatsächlich einer von uns geworden. Der ewige Gott als sterblicher Menschenbruder. 

Mit freundlichen Grüssen 
Reto Stampfli