Archiv der römisch-katholischen Kirchgemeinde Solothurn
Aufnahme des Zeltner’schen Altarkreuzes aus dem Jahr 1917
Schwerpunkt
Ein ganz besonderer Fund
Alexandra Mütel / Reto Stampfli
Nach 75 Jahren kehrt das Zeltner’sche Altarkreuz nach Solothurn zurück. Dank der Aufmerksamkeit einer Kustodin findet ein Barockjuwel seinen Weg aus dem dunklen Lager ins helle Licht der St.-Ursen-Kathedrale. Eine ganz spezielle Geschichte.
Mit einem Quäntchen Glück und vor allem durch die aufmerksame Inventar- und Archivarbeit der Solothurner Domschatzkustodin Kathrin Kocher kehrt in diesen Tagen ein vergessenes Kleinod nach St. Ursen zurück. Rund 75 Jahre lang galt das barocke Kunstwerk als verschollen. Nun kann mit grosser Freude am Sonntag, 14. Juni, das «Zeltner’sche Altarkreuz» am diesjährigen Stägefest, dem Pfarreifest der Pfarrei St. Ursen, der Öffentlichkeit wieder präsentiert werden. Das rund einen Meter hohe Kruzifix stand jahrzehntelang im Lager des historischen Museums in Basel. Die Geschichte der Wiederauffindung belegt die Wichtigkeit von gut geführten Inventaren, die als eine wichtige Quelle der Geschichtsforschung dienen.
In den Wirren des Krieges
Die jüngere Geschichte des wieder aufgefundenen Kreuzes beginnt in den Kriegsjahren, als man es vorsichtshalber aus der Kathedrale entfernte. Der Kunstgüterschutz in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs war vergleichsweise früh organisiert und gilt heute als ein wichtiger Vorläufer moderner Kulturgutschutzsysteme. Schon 1939 begann die Schweiz mit ersten systematischen Massnahmen zum Schutz von Kulturgütern und der Einrichtung eines zentral koordinierten Kunstgüterschutzes unter militärischer Führung. Bewegliche Kunstwerke von grossem Wert wurden in sichere Bergregionen (z. B. Tresore, Bunker, abgelegene Depots) gebracht. Im Zuge dieser Massnahmen begann man auch in Solothurn gefährdete Kulturgüter an sichere Orte zu bringen. Diese Aktionen wurden leider nicht überall sorgfältig durchgeführt und so nahmen nicht wenige Objekte beim Transport oder durch unsachgemässe Lagerung Schaden. So hat man zum Beispiel in der St.-Ursen-Kathedrale nicht davor zurückgeschreckt, Kunstgegenstände in den Bischofsgruften zu deponieren. Nebst dem berühmten Hornbacher Sakramentar wurde dadurch auch das besagte Zeltner’sche Altarkreuz beschädigt und zur Restaurierung nach Basel gebracht, kehrte aber von dort, aus ungeklärten Gründen, nie mehr nach Solothurn zurück. Die Restaurierung mehrerer Gegenstände, die nach Basel gebracht wurden, ist jedoch schriftlich dokumentiert. So finden wir auf einem Abrechnungsbogen unter dem Titel «Betr. Kirchenschatz der St.-Ursen-Kirche» eine Liste von «evakuierten Gegenständen, die repariert respektive aufgefrischt werden mussten», unter Nummer 2 auch «Holzteile des Zeltner’schen Altarkreuzes». Ergänzt wird die Rechnung durch den Hinweis: «No. 1–5 sind fertiggestellt; Holzteile mussten nur zum Teil ersetzt, zum Teil neu geleimt werden. Die Restaurierung erfolgte durch das Historische Museum Basel und durch Goldschmied Stockmann, Luzern.» Die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg hatten übrigens langfristige Folgen: Die Schweiz wurde zu einem wichtigen Impulsgeber für den internationalen Kulturgüterschutz. Sie war später beteiligt an der Entwicklung der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten.
Ein hochwertiges Geschenk
Wäre die Domschatzkustodin Kathrin Kocher nicht bei ihren Recherchen über eine unauffällige Notiz gestolpert und hätte mit ihren Nachforschungen begonnen, dann würde das kostbare Kreuz noch immer in Basel, zwar wohlbehütet, aber in einer dunklen Kammer, sein Dasein fristen. Die Nachforschungen von Kathrin Kocher führten sie auch zu einem Schwarz-Weiss-Foto aus dem Jahr 1917, auf dem das Kreuz an seinem ursprünglichen Standort zu erkennen ist. Bei ihren Bemühungen wurde Kathrin Kocher von Alexandra Mütel, Fachmitarbeiterin Archiv und kirchliche Kulturgüter beim Bistum Basel, tatkräftig unterstützt. Doch was macht diesen wiederentdeckten Kultgegenstand eigentlich so speziell für St. Ursen? Das sogenannte Zeltner’sche Altarkreuz geht auf eine Stiftung der alten Solothurner Patrizierfamilie zurück. Es besteht aus schwarzem Holz mit aus Silber gefertigtem Corpus und Ornamenten. An den Enden des Kreuzes sind kleine Cherubim zu sehen. Unter dem Fuss des Kreuzes findet man eine Darstellung des Lammes auf dem Buch mit den sieben Siegeln ruhend auf einem Altar. Das Bild verweist typologisch auf das Opfer Christi. Am Sockel sind auf kleinen Medaillons die Büsten der Hl. Johannes des Täufers, Maria und Petrus dargestellt. Das Kreuz stammt eigentlich aus dem 17. Jahrhundert, wurde aber 1807 für die Nische über dem Tabernakel von St. Ursen angepasst und mit einer neuen Inschrift versehen, die auf die Familie Zeltner und den Künstler Karl Wickart verweist («ex Fundatione Familie Zeltner Anno 1807, Wic(kart) Karl fec(it)»). Die wechselvolle Geschichte des Kunstwerks und die Umstände der Stiftung sind Gegenstand anhaltender Forschung. Vermutlich wurde das Kreuz 1807 als hochwertiger Ersatz für die in den Jahren der französischen Besetzung konfiszierte Ausstattung der St.-Ursen-Kirche angeschafft. Das Datum in der Inschrift 1807 bezeichnet nur die endgültige Schenkung, nicht die Datierung des eigentlichen Hauptobjekts. Die Familie Zeltner spielte im kulturellen und politischen Leben der Stadt vor allem im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts eine grosse Rolle. Der spätere Münzdirektor Solothurns, Franz Xaver Zeltner (1736–1801) war beispielsweise in der Baukommission der neuen St.-Ursen-Kirche aktiv.
In voller Pracht
Das Kreuz wurde von Valentin Boissonnas in Zürich in seinem Atelier restauriert. Er ist Dozent für Metallkonservierung an der Haute Ecole de Conservation-Restauration Arc, in Neuenburg. Die Silberappliken mit den Cherubim und die Heiligenbüsten sind aus Silber und von hoher künstlerischer Qualität. Das Band mit der Inschrift ist hingegen sehr dünn. Ebenso sind die floralen Gravuren bei der Inschrift recht einfach gehalten. Die beiden Finalen links und rechts vom Kreuzfuss sind sogar nur aus versilbertem Messing. Unterschiedliche Legierungen auf verschiedenen Silberornamenten am ganzen Kreuz können auf frühere Restaurierungen hinweisen. Möglicherweise hatte der genannte Wickart also die Aufgabe, das Kreuz «aufzufrischen» und zu ergänzen. Das Zeltner’sche Altarkreuz verfügt über eine ungewöhnliche Ikonografie (Motiv, Inhalt und Symbolik): Die Darstellung von Johannes dem Täufer und Maria am Kreuzfuss ist nicht ungewöhnlich, auch wenn sie in dieser Kombination in der Regel nicht verwendet wird, sondern eher Johannes der Evangelist und Maria; ungewöhnlich ist jedoch die Darstellung der Figur des Petrus. Abweichungen vom Standard sind bei religiösen Kunstwerken in der Regel durch die Stifter begründet, die gerne ihre Namenspatrone einfügen liessen. Wenn das Kreuz also schon immer im Besitz der Familie Zeltner war, kämen Johann Peter Zeltner (1653–1733) mit seiner Frau Maria Magdalena infrage.
Ein Zeichen der Erlösung
Interessanterweise ist das Kreuz nicht seit Beginn der christlichen Tradition von zentraler Bedeutung. Es wurde erst einige Jahrhunderte nach dem Tod von Jesus Christus zum wichtigsten Symbol des Christentums. In den ersten Generationen nach Jesus Christus war das Kreuz kein verbreitetes Symbol, denn es stellte für die frühen Christinnen und Christen ein Schand- und Leidenssymbol dar. Sie nutzten stattdessen andere Zeichen wie den Fisch (Ichthys), den Hirten oder den Anker. Der Wendepunkt kommt im 4. Jahrhundert mit Konstantin dem Grossen: Vor der Schlacht an der Milvischen Brücke (um 312 n. Chr.) soll er ein Christus-Zeichen am Himmel gesehen haben. Nach dem erfolgreichen Waffengang liess er christliche Symbole auf Schilden verwenden. Mit der Anerkennung des Christentums (313 n. Chr.) verlor das Kreuz seinen Makel. Es wurde immer mehr zu einem positiven Zeichen für Sieg, Erlösung und Glauben. Ab dem 5. / 6. Jahrhundert wurden Kirchen mit Kreuzen geschmückt und es entstand die Darstellung des gekreuzigten Christus (Kruzifix). Erst jetzt wurde das Kreuz zum Hauptsymbol des Christentums, wie wir es heute kennen.
Das Zeltner’sche Altarkreuz kann am «Stägefescht» an seinem angestammten Ort am Hochaltar besichtigt werden.
Sonntag, 14. Juni 2026, 10 Uhr, Eucharistiefeier (Turmbläser-Messe von Fridolin Limbacher, Domchor), anschliessend Mittagessen und Begegnung im Pfarreigarten, begleitet von der Jugendmusik Solothurn.