Editorial

Grösser als unser Denken

«Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind», weiss Johann Wolfgang von Goethe in seinem berühmten Zitat aus dem Drama «Faust I» zu berichten. Der Titelheld Doktor Faustus hadert in der sich am Anfang des Werkes befindenden «Nacht-Szene» mit der reinen Vernunft und stellt fest, dass dem rein rationalen Verstand die göttlichen, metaphysischen Dimensionen verschlossen bleiben. Der grosse Universalgelehrte Faust wird in seinem Überlebenskampf vom Glanz des Überirdischen gerettet, um dann aber am Schluss im Sumpf des «Allzu-Irdischen» zu versinken. 

An Wundern scheiden sich die Geister. Manche wollen sie überall sehen, andere nirgendwo. Die Wirklichkeit liegt oft zwischen den Extremen und ist vielfältiger und überraschender, als es unsere Annahmen manchmal gerne hätten. Mal bleibt ein erbetenes Wunder aus, mal tritt eines ungebeten ein. Auch die Theologie beschäftigt sich – zwar nicht mehr ganz so intensiv wie in früheren Zeiten – aber noch immer regelmässig, mit dem Wunderbegriff. Früher verstand man das Wunder generell als ein übernatürliches Eingreifen Gottes, das die Naturgesetze ausser Kraft setzte. In der Zeit der Aufklärung ging es dem Wunder und all seinen Folge­erscheinungen mächtig an den Kragen. Heute sieht die Theologie das differenzierter – ohne den Glauben an Wunder ganz aufzugeben. Gott wird nicht als jemand gedacht, der «von aussen» eingreift und seine eigene Ordnung zerstört. Gott wirkt in und durch die Wirklichkeit, nicht gegen sie. Aus diesem Grund werden Wunder heute vor allem als Zeichenhandlungen Gottes verstanden. Sie tragen stets eine Bedeutung mit sich – sie «zeigen» etwas. Im Zentrum steht dabei nicht das spektakuläre Ereignis, sondern die Frage: Was sagt es über Gott? Diese Sichtweise knüpft stark an die Bibel an. Ein Ereignis wird erst im Glauben zum Wunder. In diesem Zusammenhang kann dasselbe Ereignis unterschiedlich gedeutet werden. Für gläubige Menschen kann es ein Zeichen der Nähe Gottes bedeuten, für andere ein ungewöhnliches, aber natürlich erklärbares Geschehen. Unser Verstand wird oft auch durch fehlende Fantasie begrenzt. Oder mit den Worten des Physikers Matthias Egg in dieser Ausgabe des «Kirchenblatts» gesprochen: Gott ist einfach grösser als unser Denken.

Mit wunderbaren Grüssen 
Reto Stampfli