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Schwerpunkt
Ein «erlesener» Sommer
Reto Stampfli
Literatur ist eine der günstigsten und intensivsten Arten, zu reisen, die es gibt – ohne Stress, ohne Zeitdruck, aber mit maximaler Tiefe. Es kann eine «innere Reise» sein, bei der man sich zwar nicht vom Fleck bewegt, aber im Denken, Fühlen und in seinem Blick auf die Welt weit umherstreift.
Moderne Romane greifen immer wieder religiöse Themen auf. Das geschieht längst nicht mehr nur im klassischen Sinne von Glaubensfragen oder kirchlicher Moral, sondern Religion wird oft als kulturelle, politische oder existenzielle Kraft betrachtet. Dabei entstehen vielschichtige Erzählungen, in denen Zweifel, Spiritualität, Macht und Identität ineinandergreifen. Hier eine kleine Auswahl für die Sommerferien, ganz ohne Anspruch auf Objektivität und Vollständigkeit.
Beklemmende Zukunftsbilder
Ein prominentes Beispiel für einen Roman mit religiösem Hintergrund ist «The Handmaid’s Tale» (1985) von Margaret Atwood (*1939). Der auf Deutsch als «Der Report der Magd» (1990) im Piper Verlag erschienene Roman entwirft eine dystopische pseudochristliche Gesellschaft, in der religiöse Texte fundamentalistisch ausgelegt und zur Legitimation eines totalitären Regimes genutzt werden. In düsteren Bildern zeigt die kanadische Autorin eindrücklich, wie in der Diktatur namens «Gilead» Religion politisch instrumentalisiert werden kann und wie gefährlich es ist, wenn eine bestimmte Interpretation zur absoluten Wahrheit erklärt wird. Gleichzeitig bleibt Raum für leise Formen von Widerstand und individueller Sinnsuche. Die Fortsetzung «Die Zeuginnen» (2019) spielt fünfzehn Jahre nach der Welt aus dem ersten Band und knüpft perfekt an dessen Epilog an. Atwood erweitert in diesem Band die Perspektive und zeigt, wie unterschiedliche Figuren innerhalb desselben Systems ganz verschiedene Formen von Glauben und Zweifel entwickeln. Religion ist hier kein monolithischer Block, sondern ein Feld von Interpretationen. In der Nachfolge von Aldous Huxley und George Orwell feierte Atwoods Werk auch als TV-Serie grosse Erfolge.
«Die Glocke, die die Zeit misst, schlägt. Die Zeit wird hier mit Glocken gemessen, wie einstmals in Nonnenklöstern. Ebenfalls wie im Nonnenkloster gibt es hier nur wenige Spiegel. Ich stehe von meinem Stuhl auf und schiebe die Füsse vorwärts ins Sonnenlicht, in ihren roten Schuhen, die keine Tanzschuhe sind, sondern flache Absätze haben, weil das besser für die Wirbelsäule ist. Die roten Handschuhe liegen auf dem Bett. Ich nehme sie und streife sie über die Hände, Finger für Finger. Alles, ausser den Flügeln, die mein Gesicht umgeben, ist rot: die Farbe des Bluts, die uns kennzeichnet. Der Rock ist knöchellang, weit, zu einer flachen Passe gerafft, die sich über die Brüste spannt; die Ärmel sind weit. Die weissen Flügel sind ebenfalls vorgeschrieben: Sie sollen uns am Sehen hindern, aber auch am Gesehenwerden. Rot hat mir noch nie gestanden, es ist nicht meine Farbe. Ich nehme den Einkaufskorb und hänge ihn mir über den Arm.» (Der Report der Magd).
Eine ausserirdische Mission
Auch «Das Buch der seltsamen neuen Dinge» (2019) des holländischen Schriftstellers Michel Faber (*1960) setzt sich intensiv mit Glauben und der Zukunft auseinander, allerdings auf eine ganz andere Weise. Faber nähert sich dem Unbekannten über einen ehrgeizigen Missionar, der viele Millionen Lichtjahre reist, um einen fernen Planeten zu erreichen, auf dem seltsame Wesen leben, die kein Wasser kennen und keine Konsonanten aussprechen können. Während er auf dem Planeten «Oasis» mit den Aliens beschäftigt ist und ihnen das Neue Testament übersetzt, kämpft seine Frau auf der Erde um ihr Leben, denn dort ist das globale Chaos ausgebrochen. Der Roman stellt Fragen nach der Universalität von Religion: Ist Glaube an kulturelle Bedingungen gebunden oder kann er auch in völlig anderen Kontexten bestehen? Fabers Werk wirkt dabei ruhig und nachdenklich, fast melancholisch, und zeigt, wie Glaube sowohl Verbindung als auch Isolation schaffen kann. Michel Fabers Science-Fiction-Ehe-Briefroman liefert einen der recht selten gewordenen Beweise, dass Literatur weiter reichen kann als nur in die Sphäre des Vertrauten und Bekannten.
Eine junge Frau geht ihren Weg
Ganz in der Gegenwart spielt Haneen Al-Sayeghs (*1986) Debütroman «Das unsichtbare Band» (2024). Die libanesische Dichterin beschreibt eine Kindheit und Jugend in der ultrastrengen Religionsgemeinschaft der Drusen in den Bergen des Libanon. Hier wächst die junge Amal in einer strengen, patriarchalischen Zwangsgesellschaft auf. Sie will nur eines: die Schule besuchen und studieren, doch Mädchen haben kaum Rechte. Der Grossvater lässt zwischen sich und seiner Frau eine Mauer errichten, aber seine Tochter – Amals Mutter – darf immerhin Brot backen, und damit bezahlt sie das Schulgeld ihrer Töchter. Als Amal, die jüngste, mit fünfzehn verheiratet wird und das Elternhaus verlässt, schweigt die Mutter. Unbeirrt, wenn auch gegen viele Widerstände, geht Amal ihren Weg und beginnt zu begreifen, was es heisst, selbstbestimmt zu leben und wahrhaftig zu lieben.
«Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag, denn ich war gerade aus der Schule mit dem Jahreszeugnis zurückgekehrt, in dem stand, dass ich die zehnte Klasse des Gymnasiums mit Auszeichnung bestanden hatte. Ich war derart guter Dinge, dass ich meiner Mutter trotz meiner Abneigung gegen Gäste ausnahmsweise helfen wollte. Mein Vater und der junge Mann unterhielten sich gerade über Antiquitäten und deren Preise, als ich hereinkam. Ich bot dem Gast ein Glas Saft an und drehte mich um, um auch meinem Vater ein Getränk zu reichen. Da bemerkte ich, wie mir die Blicke des Gastes folgten und meinen Körper musterten. Aber ich verstand die Bedeutung dieser Blicke erst, als meine Mutter mich eine Woche später fragte: ‹Erinnerst du dich an den jungen Mann, der uns letzte Woche besucht hat?› ‹Nein. Welcher junge Mann?› ‹Der junge Mann, dem du ein Getränk angeboten hast.› ‹Ach ja. Was ist mit ihm?› ‹Er ist gerade gegangen. Er war mit seiner Mutter hier. Sie wollten dich kennenlernen, er sagte, er sucht eine Braut.›»
Vitale Sprachschöpfungen
«Das Buch der fehlenden Wörter» (2020) kann als ein kleines Wunder bezeichnet werden, weil es, mit grosser Menschenkenntnis verfasst, von Menschen in aussergewöhnlichen Situationen handelt. Es ist ein Buch von ansteckender Neugier, weil sich der italienische Autor Stefano Massini auf scheinbare Nebenschauplätze der Geschichte begibt, um dort die unbedeutenden Sieger und Verlierer in Augenschein zu nehmen. Das Ergebnis ist ein kunterbuntes Lexikon mit Einträgen zu verschiedenen Buchstaben, voller phantastischer Porträts spannender Figuren und kurioser Begebenheiten. Dabei spielen auch die Religionen mit all ihren unterschiedlichen Akteuren eine Rolle. Dass die Sprache entsprechend der Kultur, in der wir leben, nur einen Teil unserer Gefühlswelt abdeckt und anderes nicht auszudrücken vermag, liess Massini nach den versteckten Sphären fahnden, nach Zuständen, für die es keine Wörter gibt, aber vielleicht Geschichten oder Persönlichkeiten, die sie verkörpern.
«Etwas verbindet alle Menschen – jeder von uns entwirft seinen Fluchtplan. Manche setzen ihn dann wirklich in die Praxis um, während andere sich ihr ganzes Leben lang damit begnügen, die Wände ihrer Zelle blau anzumalen, um sich grenzenlose Himmel und offene Meere vorzugaukeln. Na gut, eigentlich ist der Unterschied nicht so gross, denn was uns zu Menschen macht, ist weniger die konkrete Tat des Flüchtens, als die Sehnsucht danach und mit ihr das inständige Bedürfnis, zu wissen, dass es einen Fluchtweg gibt – es muss ihn geben!»
Margret Atwood: Der Report der Magd. Piper Verlag. ISBN 978-3-492-30327-9

Margret Atwood: Die Zeuginnen. Piper Verlag. ISBN: 978-3-492-31665-1

Haneen Al-Sayegh: Das unsichtbare Band. dtv Verlag. ISBN 978-3-423-28398-4

Michel Faber: Das Buch der seltsamen neuen Dinge. Verlag Kein und Aber. ISBN 978-3-0369-5989-4

Stefano Massini: Das Buch der fehlenden Wörter. Hanser Verlag. ISBN 978-3-446-26567-7