Yvonne Bieri-Häberling
Sonnenuntergang am Inkwilersee
Schwerpunkt
Sinnsuche in einer komplexen Welt
von Reto Stampfli
Viele Menschen fühlen sich in einer stark rationalisierten, technisierten Welt innerlich leer oder orientierungslos. Wissenschaft erklärt viel, aber nicht alles, was das Leben existenziell betrifft. Die mystische Spiritualität kann hier eine direkte, persönliche Erfahrung von Sinn bieten.
Mystische Glaubensformen sind wieder im Gespräch, das bezeugt auch ein Blick in die Regale der Religions- und Esoterik-Abteilungen. Fast sieht es nach einem vor Kurzem kaum vorstellbaren Mystik-Revival aus. Wohl hallen die oft zitierten Wort des Theologen Karl Rahner (1904–1984) nach: «Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein» (Gesammelte Schriften 7,22), aber kaum jemand hätte an ein derartiges Wiedererstarken gedacht. Heute scheinen die vorgebrachten Vorbehalte gegenüber der Mystik – ausserhalb der universitären Theologie – so gut wie verschwunden. Es herrscht jedoch auch ein kaum überschaubarer Wildwuchs.
Öffnung und Weite
Längst sind Schweizerinnen und Schweizer im Zug der wirtschaftlichen Globalisierung auch mit anderen religiösen Welten in Kontakt gekommen. Touristen besuchen Tänze moslemischer Derwische; in Thailand treffen sie auf buddhistische Rituale und moslemische Gemeinden gehören zur Nachbarschaft im eigenen Land. Dabei stellt sich heraus, dass Mystik keineswegs bloss ein christliches Phänomen ist. Aber nicht nur die Begegnung mit anderen religiösen Kulturen trägt zu dem neuen Mystik-Interesse bei, denn entscheidend ist auch der offensichtliche Schwund profilierter christlicher Inhalte und biblisch fundierter Lehre. Mystik verspricht hier eine Öffnung, eine Weite, die von bindender Dogmatik frei ist. Für viele Christen hat die Attraktivität der Mystik auch mit der Chance eines «neuen Gottesbilds» zu tun. Die Sehnsucht nach dem Absoluten, so scheint Mystik zu versprechen, muss nicht in die Enge begrenzter oder metaphysischer Gottesvorstellungen hineinführen.
Mystische Spiritualität im Christentum
In der christlichen Tradition taucht das Substantiv «Mystik» erst als Kunstwort im Frankreich des 17. Jahrhunderts auf. Das Verb «Myein» (schliessen) und das Adjektiv «Mystikos» sind jedoch schon in der griechischen Antike geläufig. Damit sind erste Anhaltspunkte gegeben, was mystisch leben bedeutet: die Augen schliessen vor einem Gewirr der Sinneseindrücke, vom Lärm der Welt, sich sammeln, um so dem inneren Lebenszentrum näherzukommen. Mystik berührt das Geheimnis von dem, was sich dem Augenschein und dem Hörensagen des Alltags entzieht. Doch die christliche Mystik des ersten und zweiten Jahrtausends sprengte den Rahmen seiner Sprachherkunft. Sie führte zu mystischen Lehrerinnen und Lehrern wie Bernhard von Clairvaux, die Franziskaner wie Bonaventura, Dominikaner wie Meister Eckhart und Johannes Tauber und Heinrich Sause. Nicht zu vergessen sind die Frauen seit Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg und Margarete Porete. Der «mystische Strom» (Otto Karrer) verläuft jedoch auch durch alle Jahrhunderte der Neuzeit. Edith Stein (1891–1942), Dag Hammarskjöld (1905–1961) oder Richard Rohr (*1943) sind nur einige Namen. Ihnen allen geht es um die innige Verbundenheit und Gemeinschaft mit dem, der Ziel ihrer Sehnsucht ist: mit der Wirklichkeit Gottes, der Nähe Jesu Christi, der Lebenskraft des Geistes. Aber Verbundenheit sagt noch zu wenig: Die Mystiker meinen eine reale Einheit, eine wirkliche Vereinigung mit der Wirklichkeit Gottes, die sogenannte «Unio mystica», ein spiritueller Zustand, in dem die menschliche Seele durch Gebet, Meditation oder Ekstase mit Gott oder dem Göttlichen verschmilzt.
«Von Ihm gefunden sein»
Aber Achtung: Mystik ist kein Ergebnis leidenschaftlicher Suche. Primär bedeutet Gott suchen die Entdeckung: von Ihm gefunden sein. Also pures Geschenk, pure Präsenz, Gnade für die in Widersprüche verstrickte Menschenseele. Oder mit den Worten des Franziskanerpaters Richard Rohr: «So zu leben, bedeutet, in einer unerklärlichen Hoffnung zu leben, denn dein Leben wird sich jetzt viel grösser anfühlen, als du selbst es bist. Es ist tatsächlich nicht dein eigenes Leben und dennoch bist du paradoxerweise jetzt mehr ‹du› als je zuvor. Dies ist die ständige und andauernde Erfahrung der Mystiker, ihre Sicht, die auch deine Sicht sein kann: Gott, du warst immer schon hier und ich habe es nicht gewusst.» (Pure Präsenz, 26) Die Mystik bezeugt: Das Heilsziel der Gottesgemeinschaft wird schon auf dem Weg geschenkt. In Psalm 63,9 wird diese Gemeinschaft umschrieben: «Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.» Christus, auf den wir zu hoffen wagen, kommt unvorstellbar nahe: «Christus lebt in mir». (Galater 2,20)
Ein unfassbares Geschenk
Was die Mystiker zur Sprache bringen, erscheint ihnen als unfassbares Geschenk. Aber sie sehen darin kein Privileg. Weder, was ihren sozialen Stand angeht, noch ihre persönliche Bildung; dieses wichtige Detail geht heutzutage gern vergessen. Gott auf Wegen der Mystik begegnen, das schliesst niemanden aus. Immer deutlicher wird in der Geschichte der Christenheit: Der mystische Weg ist nicht den Klöstern und Gemeinschaften vorbehalten; die weltliche Christusnachfolge ist genauso wichtig. Die Mystik rüttelt nicht selten an den festgefügten Ordnungen. Die Erfahrungen der Mystik führen nach innen. Sie lassen einen weiten Innenbereich entdecken, eine Seelenwelt. Es geht darum, die Mitte zu finden, den «Grund» der Seele, «das Herz», das «Gemüt». Ohne die innerliche Resonanz führen alle Aussen-Erfahrungen nicht vorwärts. Es bedarf der inneren «Vertiefung» oder «Versenkung». Das bedeutet keine Gleichgültigkeit gegenüber der Welt und den anderen Menschen. In authentischer Mystik lässt sich Kontemplation nicht von Aktion, Arbeit und Ethos trennen. Aber Innerlichkeit gehört zur Erfahrung des Weges. Darum hat auch das Gebet eine zentrale Bedeutung: nicht nur als Bitte, Lob oder Klage. Sondern auch als «Herzensgebet», das der Gegenwart Gottes im Herzen innewird und bleibt. Jedoch ohne schmerzliche Selbsterkenntnis, ohne Konfrontation mit den eigenen Schatten und Süchten, bleibt alle vermeintliche Erhebung zu Gott nichts als Illusion. Der Prozess solcher Wandlung kommt dabei niemals zum Abschluss.
Unsagbares sagen
Ganz generell treffen wir in den mystischen Texten auf eine gewagte Sprache. Sie versuchen Zeugnis zu geben von dem, was eigentlich die übliche Verständigung übersteigt. Das Unsagbare soll ausgesprochen werden. Darum gehen Mystikerinnen und Mystiker ständig über die konventionelle Kirchensprache hinaus. Nicht selten verirren sie sich dabei in Paradoxien wie ein «stilles Geschrei» oder «ein namenloses Nichts». Meister Eckhart schrieb dazu: «Da hörte ich ohne Laut, da sah ich ohne Licht, da roch ich ohne Bewegen, da schmeckte ich das, was nicht war, da spürte ich das, was nicht bestand». Eine ekstatische, entrückte, zuweilen wie stammelnde Rede, in der viele Fragen unbeantwortet bleiben. Doch wer dem mystischen Zeugnis offen begegnet, muss Fragen nicht unterdrücken. Immer wieder waren im Mittelalter mystische Bewegungen unter Verdacht gestellt. Meister Eckhart wurde verurteilt, Margarete Porete gar 1310 hingerichtet. Solche Widerstände haben in der Moderne die Mystik eher aufgewertet. Die mystische Spiritualität ist und bleibt in ihrem Wesen ein Geheimnis, weil da etwas geschieht, was man letztlich nicht ganz durchdringen und erklären kann. Sie darf niemals ein Egotrip sein, sondern stets ein Element des gemeinschaftlichen Lebens, da man durch Meditation und Gebete ein Stück weit gezwungen wird, zu verlangsamen, innezuhalten und Atem zu holen.