Reto Stampfli | Chefredaktor
Editorial
Canon, Epson, HP, Halleluja
Gesegnet sei der Erfinder des Kopierapparates! Gepriesen die Techniker von Canon, Epson, HP und Co.; sie ermöglichen uns brillante Ideen, bahnbrechende Gedanken und jede Menge Müll auf Papier in grosser Auflage in Umlauf zu bringen. Kopieren geht über studieren – Papier nimmt alles an. Duplizieren, multiplizieren, das liegt im Trend. Kaum jemand könnte sich ein Leben ohne Kopierapparat vorstellen: Copy quick, think slow.
Gemächlicher ging das Vervielfältigen im Mittelalter vonstatten: Man setzte voll und ganz auf Manpower; richtige Kopisten aus Fleisch und Blut traf man vorrangig in Klöstern an, wo sie fein säuberlich im Scriptorium Wort um Wort aus den voluminösen Codices abschrieben. Allerdings ist das Bild vom völlig stillen Raum voller Mönche, die den ganzen Tag schrieben, etwas idealisiert. Als erster Schritt wurde die Seite vorbereitet. Mit einem Griffel oder einer dünnen Nadel zog man feine Linien, an denen sich der Schreiber orientieren konnte. Auch die Ränder und Spalten wurden festgelegt. Erst dann begann die eigentliche Arbeit: Der Schreiber kopierte den Text Buchstabe für Buchstabe. Ein umfangreiches Manuskript konnte Monate oder sogar Jahre beanspruchen. Besonders wertvolle Handschriften waren deshalb enorm teuer. Vom bekannten Schreiber und Illustratoren Beatus von Liébana wird berichtet, dass er über 20 Jahre an einer Abschrift der Bibel arbeitete – wir werden bereits ungeduldig, wenn der Kopierapparat zehn Minuten ausfällt.
Ohne diese «Abschreibearbeit» wären zahlreiche Texte der Antike verloren gegangen. Das mittelalterliche Kloster war also gewissermassen eine Kombination aus Bibliothek, Verlag, Schreibwerkstatt, Archiv und Schule – nur dass jedes Exemplar einzeln von Hand hergestellt werden musste. Erst mit der Erfindung des Buchdrucks änderte sich das grundlegend. Das alles wurde mir bei einem ausgedehnten Besuch in der Stiftsbibliothek in St. Gallen in den Sommerferien wieder einmal klar vor Augen geführt. Angeregt durch diesen inspirierenden Aufenthalt in den heiligen Hallen der Schreibkunst versuchte ich ein paar Tage später zu Hause – so quasi als Selbsttherapie – wieder einmal eine Vorlage von Hand abzuschreiben. Doch dieses Vorhaben liess ich bald sein, denn irgendwie erinnerte mich das Prozedere schmerzlich an die Strafseiten meiner Primarschulzeit.
Herzliche Grüsse
Reto Stampfli