Editorial

«Frau Kardinal»

Der britische Historiker Cyril Northcote Parkinson hat vor Jahrzehnten bei der Untersuchung von verschiedenen Verwaltungsapparaten festgestellt, dass die oberste katholische Kirchenverwaltung besser funktioniert als die meisten anderen grossen Zentralbürokratien. «Der Vatikan und sein weltweit gespanntes Informationsnetz stellen in seiner Effizienz ein unübertroffenes Phänomen dar», resümierte der angesehene Harvard-Professor. Doch auch der vatikanische Beamtenapparat ist über die Jahre gewachsen, die rund 3300 Angestellten bilden jedoch noch immer eine relativ schlanke Struktur. Was sich in den vergangenen Jahren markant verändert hat, ist der Prozentsatz an weiblichem Personal. Die österreichische Journalistin Gudrun Sailer hat sich ihrem Buch «Papst Franziskus. Keine Kirche ohne Frauen» mit den Frauen im Vatikan beschäftigt. Sie arbeitet selbst seit Jahren für die «Vatican News» und hat einen guten Einblick in diese von aussen merkwürdig erscheinende Welt. Dass rund 20 Prozent der Beschäftigten im Vatikan Frauen sind, scheint bemerkenswert zu sein, zumal diese Frauen wichtige Positionen einnehmen. Die ranghöchste Frau im Vatikan ist aktuell Schwester Raffaella Petrini. Sie wurde von Papst Franziskus zur Präsidentin der Päpstlichen Kommission für den Staat der Vatikanstadt und zur Präsidentin des Governatorats ernannt. 

Doch noch immer gibt es auch Mankos. Eine Krux liegt nach Sailers Ansicht im Kirchenrecht. Ausschliesslich Priester dürfen rechtlich bindende Entscheidungen über andere Priester treffen. Doch nicht für alle Posten, die heute von Priestern übernommen werden, ist die Weihe wirklich nötig. Eher für wenige. Es gibt auch den Vorschlag, eine neue Funktion für Frauen in der Kirche zu schaffen. Das Kardinalat ist im 11. Jahrhundert entstanden – als ein Amt der Kirche, nicht von Jesus eingesetzt. Es wäre denkbar, ein solches neues Beratungsamt für Frauen zu schaffen. Sailer ist überzeugt, dass es gut wäre, ein solches Amt zu schaffen und zu sehen, wie es sich entwickelt, und sie resümiert: «Auch das Kardinalat ist in einer bestimmten historischen Lage entstanden, als Antwort auf einen Bedarf. Heute hat die Kirche Bedarf daran, mehr auf den Rat von Frauen zu hören.»  

Mit freundlichen Grüssen
Reto Stampfli