Schwerpunkt

Nach der Sintflut

Der Theologe Stephan Kaisser ist Diakon, Religionslehrer an der Kantonsschule ­Solothurn und Mitglied der «Kirchenblatt»-­Redaktionskommission.

Hoffnung auf einen Neuanfang

von Stephan Kaisser

Die Sintfluterzählung aus dem Buch Genesis (Kapitel 6–9) zählt zu den bekanntesten und zugleich befremdlichsten Geschichten der Bibel. Sie berichtet, wie der strafende Gott angesichts der Verdorbenheit der Menschen eine alles vernichtende Flut schickt. Doch der gnädige Gott ermöglicht durch Noah, indem dieser eine Arche baut, einen Neuanfang. Welche Bedeutung hat diese uralte Überlieferung für uns heute? 

«Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt: Er soll ein Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde.» (Gen 9,13) 

Die Sintflut: Eine Geschichte von Gericht und Gnade
Die Sintfluterzählung beginnt mit einem düsteren Bild: «Die Erde war verdorben vor Gott und voller Gewalttat.» (Gen 6,11) Weil die Menschen sich von Gott abgewandt hatten und in Sünde lebten, beschliesst Gott, die Erde durch eine Flut zu reinigen. Doch mitten in diesem Gericht zeigt sich Gottes Gnade: Noah, ein gerechter Mann, wird auserwählt, eine Arche zu bauen, um seine Familie und die Tiere zu retten. Nach der Flut schliesst Gott einen Bund mit Noah und verspricht, die lebendigen Wesen nie wieder durch eine solche Katastrophe zu vernichten. Der Regenbogen wird zum Zeichen dieses Bundes – ein Symbol der Hoffnung und des Neuanfangs. 

Parallelen in anderen ­Erzählungen
Die biblische Sintfluterzählung weist zahlreiche Parallelen zu Mythen und Legenden aus verschiedenen Kulturen auf. Besonders auffällig sind die Ähnlichkeiten zu den Flutmythen des Alten Orients:

In einem alten Sumerischen Epos wird der König Ziusudra vom Gott Enki vor einer bevorstehenden gottgesandten Flut gewarnt. Er baut ein Boot, nimmt seine Familie und Tiere mit und überlebt die Katastrophe. Nach der Flut bringt er ein Dankopfer dar. Im Babylonisches Gilgamesch-Epos wird der Mann Utnapischtim vom Gott Ea vor der Sintflut gewarnt. Auch er baut ein Schiff für seine Familie und Tiere und überlebt so die Flut. Auch in der Griechischen und Indischen Mythologie gibt es Fluterzählungen, in denen ein Auserwählter auf einem Boot überlebt.

Die auffallenden Parallelen zwischen den Flutmythen verschiedener Kulturen können historische Ursachen haben. Im fruchtbaren Schwemmland zwischen Euphrat und Tigris waren katastrophale Fluten häufig und zerstörten ganze Siedlungen. Ebenso stieg der Meeresspiegel am Ende der letzten Eiszeit an und führte zu grossflächigen Überschwemmungen. Solche realen Erlebnisse wurden mythisch verarbeitet und weitergegeben. Die ältesten schriftlichen Flutmythen sind wahrscheinlich durch Handelskontakte, Migration und kulturellen Austausch in benachbarte Regionen gelangt und wurden dort an die jeweiligen kulturellen Kontexte angepasst. Vor allem aber spiegeln die Flutmythen existenzielle Ängste vor dem Verlust von Ordnung, Heimat und Leben wider. Sie dienen als Erklärungsmodelle für das Böse und die Notwendigkeit eines Neuanfangs und können so auch unabhängig voneinander in verschiedenen Kulturen entstanden sein.

Die Symbolik der Sintflut
Die Sintfluterzählung ist reich an Symbolen, die uns auch heute noch ansprechen. So das Wasser als Symbol der Reinigung. Es spielt in vielen Religionen eine zentrale Rolle als reinigendes und befreiendes Element. Schon im Alten Testament kommt das rituelle Reinigungsbad vor. Im Christentum wird in der Taufe diese Symbolik aufgegriffen. Durch das Wasser werden wir von der Erbsünde gereinigt und in ein neues Leben mit Christus hineingetauft.

Die Arche, ein grosses kastenförmiges Schiff, steht für Schutz, Rettung und das Überleben von Mensch und Tier inmitten der Katastrophe und symbolisiert, dass Gott auch in Zeiten grosser Not bei uns ist und uns bewahrt. Der von der Taube gebrachte Olivenzweig gilt als Symbol für Frieden und Neubeginn und hat es so sogar ins Wappen der Vereinten Nationen (UNO) geschafft, wo der Olivenzweig für den weltweiten Frieden steht.

Im Unterschied zu anderen Mythen ist der Regenbogen in der Genesis ein Zeichen des göttlichen Bundes mit der ganzen Welt. Er steht für Gottes Treue und seinen Wunsch nach einer Beziehung zu den Menschen. Er erinnert uns daran, dass Gott trotz unserer Fehler seine Liebe nicht aufgibt. «Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde.» (Gen 9,16) 

Was kann uns die Sintfluterzählung heute lehren? 
Die Erzählung zeigt zwei zentrale Aspekte des Gottesbildes: Einerseits ist Gott gerecht und richtet über das Böse. Andererseits ist er gnädig und gewährt uns Menschen immer wieder die Möglichkeit zur Umkehr und zum Neuanfang.

In einer Zeit, in der Umweltkatastrophen, Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit unsere Welt bedrohen, hat diese Geschichte eine erstaunliche Aktualität. Die Sintfluterzählung mahnt uns zur Verantwortung gegenüber der Schöpfung. Die Zerstörung durch die Flut war eine Konsequenz menschlicher Bosheit – ein Hinweis darauf, dass unser Handeln direkte Auswirkungen auf unsere Umwelt hat. Heute sehen wir ähnliche Konsequenzen durch Umweltverschmutzung und Klimawandel. Wenn das Polareis in der Antarktis schmilzt, hätte dies wohl einen Anstieg des globalen Meeresspiegels um 58 Meter zur Folge. 

«Die Erde aber war in Gottes Augen verdorben, sie war voller Gewalttat.» Diese Aussage in Genesis 6,11 kann als Warnung vor sozialer Ungerechtigkeit verstanden werden. Gewalt entsteht oft dort, wo Ungleichheit herrscht – sei es durch Armut, Diskriminierung oder Ausbeutung. So fordert die Erzählung uns auf, aktiv für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten. 

Der barmherzige Gott überstimmt den strafenden
Nach der Flut beginnt eine neue Ära, ein Neuanfang für Noah und seine Familie. Es fällt besonders auf, dass die Begründung für die Sintflut «Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war», gleichlautend ist mit der Begründung der Verschonung «Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an.» In dieser Erzählung wandelt sich also nicht der Mensch, sondern das Gottesbild: Der barmherzige Gott überstimmt den strafenden.

Auch wir erleben in unserem Leben immer wieder «Fluten«, sei es durch persönliche Krisen oder globale Herausforderungen. Die Sintfluterzählung erinnert uns daran, dass Gott uns nicht verlässt und immer wieder einen Neuanfang schenkt. Denn wie Noah schenkt Gott unerschütterliche Treue allen Menschen – trotz ihrer Fehler. Dies ist eine ermutigende Botschaft für unsere Zeit: Egal wie sehr wir Strafe verdient haben und immer wieder scheitern, Gott gibt uns nicht auf. Egal wie gross unsere Schwächen sind oder wie chaotisch die Welt erscheint, Gottes Liebe bleibt bestehen.  

Eine zeitlose Botschaft
Die Sintfluterzählung ist mehr als eine alte Geschichte – sie ist eine Einladung zum Nachdenken über unser Leben und unsere Welt. Sie ruft uns dazu auf, Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen, Frieden zu fördern und gerade wegen unserer Schwäche auf Gottes Treue zu vertrauen. Der Regenbogen am Ende der Geschichte erinnert uns daran, dass Gott immer bei uns ist – selbst nach den grössten Stürmen unseres Lebens. So kann in einer Zeit voller Herausforderungen diese biblische Erzählung Hoffnung schenken: Hoffnung darauf, dass nach jeder «Flut» ein neuer Anfang möglich ist; Hoffnung darauf, dass Gottes Liebe stärker ist als jede Krise; Hoffnung darauf, dass wir gemeinsam mit Gott an einer besseren Welt arbeiten können. Die Haltung «nach mir die Sintflut» ist sicherlich keine biblisch gerechtfertigte!

Das Lied Nr. 602 im Kirchengesangbuch fasst die Botschaft der biblischen Sintfluterzählung in einfachen Worten zusammen: Gottes Regenbogen, seht, / über Erde und Himmel steht. Dieses Zeichen macht uns kund, / Gott schliesst mit uns einen Bund. Auf der Welt soll Friede sein, / allen Menschen gross und klein. Gott gibt euch dazu die Kraft, / dass ihr Recht und Frieden schafft.