Reto Stampfli | Chefredaktor
Editorial
Schulanfang
Als Lehrer im Fach «Religionen» muss man auf vieles gefasst sein. Oft könnte einem die Ignoranz in religiösen Dingen, welche bereits bei Jugendlichen auftreten kann, die Tränen in die Augen treiben; nicht selten erlebt man jedoch auch Überraschungen im positiven Sinn. Man darf das religiöse Interesse von Schülerinnen und Schülern nicht unterschätzen. So stand zum Beispiel im Unterricht die anspruchsvolle Geschichte von Abraham und Isaak auf dem Programm. Nicht gerade leichte Kost, könnte man meinen. Eine alttestamentarische Episode, die sogar bei Erwachsenen Stirnrunzeln bewirken kann. Doch es erstaunt immer wieder, wie unbeschwert sich die Schülerschar solchen Monumenten nähert. Viele Eltern würden wohl staunen, wenn sie ihre Schützlinge bei hochtheologischen Argumentationen belauschen könnten. Frisch von der Leber werden Bedenken geäussert und ungewöhnliche Perspektiven eingenommen. Vermutlich kroch den Schülern zuallererst ein Schauer über den Rücken, als sie sich vorstellten, vom eigenen Vater das Messer an die Gurgel zu erhalten. Das gehört doch schon in den Bereich der äussersten Grenzerfahrungen. Dementsprechend bemerkte auch einer der Schüler, dass eine zünftige Entschuldigung des Vaters den angerichteten Schaden wohl nur teilweise wiedergutmachen könne. Schnell war man sich jedoch in der Klasse einig, dass ja Gott der Urheber der ganzen Situation gewesen sei. Er wollte Abrahams Vertrauen und Glauben auf eine harte Probe stellen, wobei er vermutlich bereits das Resultat vorausgesehen habe.
«Kinder und Narren sagen die Wahrheit», weiss eine Volksweisheit zu berichten. Oft stellt sich jedoch die Frage, ob nicht die Erwachsenen die eigentlichen Narren sind. Wir sichern uns mit vorgefassten Meinungen ab, schwimmen brav mit dem Strom und erstarren nicht selten vor Ehrfurcht. Kinder kennen die Spiele des gegenseitigen Abtastens nicht. Ohne Bedenken wird gefragt, warum dieser dermassen mächtige Gott überhaupt solch extreme Vertrauensbeweise nötig habe. Ihre direkte Art eröffnet unerwartete Denkwege. Doch so ganz neu ist ja diese Erkenntnis nicht, denn bereits im Neuen Testament lesen wir die erstaunlichen Worte Jesu: «Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.»
Mit freundlichen Grüssen
Reto Stampfli