Editorial

Warum lebst du?

«Warum lebst du?» Diese fundamentale Frage stellt Meister Eckhart (um 1260–1328) in einer seiner zahlreichen Predigten (Deutsche Werke I). Postwendend liefert er eine Antwort, die auch heutige Leserinnen und Leser zu erstaunen vermag: «Um des Lebens willen, und du weisst dennoch nicht, warum du lebst.» Der deutsche Mystiker und Theologe stellt das Phänomen der «Lebendigkeit» ins Zentrum seiner Gedanken. Für den Dominikanermönch, der seine Leserschaft mit seinen paradoxen Sprachbildern und seiner poetischen Sprache überrascht, ist ein Leben, das auf nichts hinaus will, das sinnvolle Leben. Eckhart schreibt, dass das Leben, das «kein Warum» bekenne, ein sinnvolles Leben sei. Es ist ein gutes Leben, weil es die höchste Form der inneren Freiheit und Nähe zu Gott bedeutet. 

Der Kirchenlehrer (Meister) aus dem Mittelalter betont immer wieder die «Gelassenheit», ein Begriff, den er selbst in die deutsche Sprache einbringt. Gelassenheit ist für ihn die «Abgeschiedenheit vom Eigenwillen» und meint ein radikales Loslassen von Eigenwillen und Besitzdenken. Das lässt sich heute im Kontext von Konsumkritik, Resilienz oder spiritueller Lebensführung neu deuten. Wer aus Absicht, Berechnung oder Eigennutz handelt, bindet sich an weltliche Zwecke und bleibt stets an das eigene Ich verhaftet. Absichtslosigkeit hingegen bedeutet: nicht mehr auf sich selbst ausgerichtet sein, sondern den göttlichen Willen durch sich wirken lassen. Eine Handlung, die ohne Absicht geschieht, ist somit «rein». Sie geschieht nicht, um Lohn, Anerkennung oder Nutzen zu erlangen, sondern um ihrer selbst willen. In solcher Reinheit ist die Tat frei von egoistischen Motiven und kann als Ausdruck des Göttlichen gelten. Eckhart sagt: «Wer nichts will, mit dem wirkt Gott, wie er will.» Der Mensch wird dadurch jedoch keinesfalls zu einer göttlichen Marionette, sondern er entdeckt tief in sich seinen wahren Grund. Für Eckhart ist das «gute Leben» kein Mittel zu einem Ziel (etwa himmlische Belohnung), sondern Teilhabe am ewigen Sein Gottes. Hier nähert sich seine Lehre dem im Moment äusserst aktuellen Begriff der «Achtsamkeit» an. Eine Konzentration auf das Wesentliche, bestärkt durch eine heilsame Gelassenheit, die eine Dimension der Freiheit und Innerlichkeit ermöglicht, die sich nicht auf ökonomische oder gesellschaftliche Nützlichkeit reduzieren lässt.

Mit freundlichen Grüssen 
Reto Stampfli