Reto Stampfli | Chefredaktor
Editorial
Terminator 2026
Gern erinnere ich mich jedes Mal beim Kauf einer neuen Agenda an jene paradiesische Vorzeit zurück, als ich mein Leben noch ohne akribische Terminplanung im Griff hatte. Ein unbeschwertes In-den-Tag-Hineinleben; sämtliche Daten konnte ich über Wochen hinweg im Kopf behalten. Heute geht das alles natürlich nicht mehr. Jeder Anlass wird schriftlich fixiert. Chaoten notieren die Termine auf alle möglichen Unterlagen, Puristen schwören auf Datenspeicher in Papierform, durchgesetzt haben sich die elektronischen Speichermöglichkeiten. Sämtliche Methoden haben Vor- und Nachteile. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie legen unserer Zukunft Handschellen an. Wir fühlen uns dadurch kaum mehr so richtig frei.
Quasi eine Agenda in Retrospektive ist das Tagebuch. Man muss nicht gerade 35 000 Seiten wie die französische Schriftstellerin Anaïs Nin vollschreiben oder ein Zeitdokument sondergleichen wie Anne Frank verfassen, aber anders als die Agenda, dient das Tagebuch nicht der Planung, sondern der Verdauung der Erlebnisse. In seinem reflexiven Wesen ist es unbestritten humaner als der despotische Termindiktator. Ab und zu dienen mir persönlich auch alte «Kirchenblatt»-Ausgaben als Erinnerungshilfe. So geben die Ausgaben der vergangenen Jahre jeweils einen guten Überblick über das welt- und lokalkirchliche Geschehen. Wir waren und sind im Redaktionsteam stets bemüht, am Puls der Zeit zu sein. So werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, auch 2026 das «Kirchenblatt» pünktlich im Briefkasten vorfinden. In der Aufteilung der Seiten wird es kleine Verschiebungen geben, ich werde Sie in der ersten Ausgabe 2026 darüber informieren.
Aufgeschreckt wurde ich übrigens letzte Woche durch die Meldung, man habe kürzlich in Thüringen eine steinzeitliche Agenda eingeritzt in Knochenfragmente gefunden. Kannten also bereits die Urmenschen den Zeitdruck? Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass nicht mehr als zwei Termine auf eine mehrwöchige Zeitspanne vermerkt waren – der Stress wurde also definitiv später erfunden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine stressfreie Adventszeit und ein weihnächtliches Auftanken an Ruhe und Zufriedenheit.
Mit weihnächtlichen Grüssen
Reto Stampfli