Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Boden unter den Füssen

Manche kennen die Erfahrung oder können es sich doch vorstellen, was es heisst, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Arbeitsstelle verloren, Beziehungskrise, Krankheit, Todesfall. Es ist jene Ohnmacht und Hilflosigkeit, wenn Halt, Sicherheiten und jegliche Orientierung verloren gehen. Das meinen wir im übertragenen Sinn mit «Boden». Wenn einem der Boden unter den Füssen weggezogen wird, ist es, als ob man die Lebensgrundlage verliert.

Boden unter den Füssen: Das sprichwörtliche Bild, das wir in unserer Sprache verwenden, ist in vielen Regionen der Welt faktische Realität. Nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz konkret erleben Kleinbauern oder Waldbewohner, wie ihnen ihr Boden, ihre Lebensgrundlage entzogen wird. Sie haben das Nachsehen, wenn Wald gerodet, Land aufgekauft oder mit staatlicher Hilfe enteignet wird, um im grossen Stil Monokulturen zur kommerziellen Nutzung anzulegen. Land-Grabbing wird diese verheerende Entwicklung genannt. Umweltschutzorganisationen protestieren schon seit Jahren gegen die ökologischen Zerstörungen, und Hilfswerke wie Fastenopfer und Brot für alle zeigen die sozialen Folgen auf und klagen das Unrecht an. In der Kampagne 2017 machen die kirchlichen Werke auf diese Problematik aufmerksam und decken die Zusammenhänge bis zu unseren Nahrungs- und Kosmetikmitteln sowie den finanziellen Anlagen unserer Banken und Pensionskassen auf. 

Boden unter den Füssen: Der Aschermittwoch macht uns zu Beginn der Fastenzeit bewusst, dass wir selbst ein Stück dieses Bodens sind. «Bedenke, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst», wird uns mit dem Aschenkreuz zugesprochen. Wir sind als Menschen selbst ein vergänglicher Teil der Schöpfung. In der Beziehung zum Boden zeigt sich auch die Beziehung zu uns selbst und zu den Mitmenschen, und damit gleichzeitig die Beziehung zum Schöpfergott. In dieser Beziehung liegt das Vertrauen, dass wir nicht ins Bodenlose fallen werden. Unsere Haltung gegenüber dem Boden ist zwar zuerst eine Frage der Raumplanung, der Ökologie und der weltweiten Gerechtigkeit, aber sie ist gleichzeitig auch eine Frage des Glaubens, eine Form der Spiritualität.

Ich wünsche Ihnen deshalb eine Fastenzeit mit viel Boden unter den Füssen in all den vielfältigen Dimensionen.

 

Kuno Schmid