Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Passion

Der neue Film «Silence» von Martin Scorsese mutet den Zuschauenden aufwühlende Bilder und Fragen zu. Im Japan des 17. Jahrhunderts werden Menschen brutal verfolgt, gefoltert und getötet, weil sie Christen sind.
Die letzten Jesuiten ringen mit der Frage, ob es im Sinne der Nächstenliebe «christlicher» wäre, die Mission aufzugeben, ja den Glauben zu verraten, um dadurch unzählige Menschen vor dem Foltertod zu retten. Das Kreuz von Golgota wird im brutalen Schicksal unschuldiger Menschen vielfach gegenwärtig. «Warum schweigt Gott?», fragt der Filmemacher.  

Das Unrecht hört nicht auf im 17. Jahrhundert. Noch heute listen Amnesty International, ACAT und zahlreiche andere Institutionen auf, wie jährlich Tausende Menschen aus politischen, ethnischen oder religiösen Gründen vertrieben, inhaftiert, gefoltert und getötet werden. 

Es erinnert mich an die Lithographie von Ernst Barlach «Anno Domini MCMXVI», auf der unzählige Kreuze dargestellt sind, welche die Landschaft um den Golgotahügel bis an den Horizont umgeben. «Warum schweigt Gott?», fragt der Künstler.

Vielleicht sollten wir in der Passionszeit nicht nur im historischen Sinn auf das Leiden und Sterben Jesu zurückblicken. Das Kreuz Christi wird in jedem Menschen, der Not, Ausgrenzung und Unrecht erleidet, gegenwärtig. In Christus teilt Gott den stummen Schrei der Opfer, ohnmächtig und solidarisch. Durch unsere Hinwendung, durch unseren Protest, durch unser Engagement, durch unsere kleinen Werke der Nächstenliebe wird diese solidarische Nähe vernehmbar, hörbar. Die Kampagne des Fastenopfers, die Botschaft des Hungertuchs oder das Passionsspiel «Die Probe» sind solche Mittel dazu.

Warum schweigt Gott? Die Frage bleibt, aber sie wird vielleicht erträglicher, zugänglicher und ermutigend für unseren eigenen Weg.  

Ich wünsche Ihnen eine besinnliche und engagierte Passionszeit.

 

Kuno Schmid