Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Wortgottesfeier

von Claudia Armellino

In der Liturgiekonstitution des 2. Vatikanischen Konzils wird festgehalten, dass eigene Wortgottesdienste zu fördern seien. Es werden fast drei Jahrzehnte vergehen, bis in den 1990-Jahren Wortgottesdienste ohne Eucharistie in unseren Pfarreien Einzug halten. Ausschlaggebend ist weniger die Bedeutung der Wortverkündigung als vielmehr der zunehmende Mangel an Priestern als Vorsteher des Sonntagsgottesdienstes.

 

Wortgottesfeier – persönliche erfahrungen
Am Sonntag, 22. Oktober 1995 wird der erste Wortgottesdienst mit Kommunionfeier am Radio DRS 2 ausgestrahlt. Geleitet wird er von Martha Brun, einer der ersten Gemeindeleiterinnen im Bistum Basel. Mit Bleistift und Schreibblock sitze ich vor dem Radio, um möglichst alles mitschreiben zu können. Zum ersten Mal «erlebe» ich einen solchen Gottesdienst. Dabei weiss ich sehr wohl, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Gestaltung solcher Gottesdienstformen auch zu meinem Alltag gehören wird.

Am 15. Oktober 1996 werde auch ich als Gemeindeleiterin eingesetzt. Im Seelsorgeverband und in der Spitalseelsorge übernimmt ein Priester die Aufgabe, die zuvor auf deren drei verteilt war. Von Anfang an ist klar, dass regelmässig Sonntagsgottesdienste als Wortgottesfeiern mit Kommunion gefeiert werden. Sowohl für die Pfarreiangehörigen wie für mich ist diese Form des sonntäglichen Gottesdienstes neu. Seit Kindertagen sind uns allen ausschliesslich Eucharistiefeiern vertraut. Miteinander betreten wir unsicheres, ungewohntes Neuland. 

Im Pfarreiteam ist uns klar, dass längst nicht immer, aber regelmässig Eucharistiefeiern angeboten werden. Es ist uns wichtig, offen und transparent zu informieren, wann welche Formen des gemeinsamen Feierns möglich sind. Dennoch bleibt es eine grosse Herausforderung für die Pfarreiangehörigen, denen der sonntägliche Gottesdienst wertvoll und wichtig ist.

Noch heute bin ich zutiefst dankbar für die Offenheit, die mir entgegengebracht wurde. Viel später erzählen mir Leute von ihrer anfänglichen Enttäuschung: «Nur eine Frau, ist unsere Pfarrei keinen Pfarrer mehr wert?» Trotzdem lassen sich ganz viele Menschen auf die neue Situation ein: «Es isch jetz halt so. Wir gehören in diese Pfarrei, sie ist uns Heimat, an uns ist es, Sorge zu tragen zu dieser Gemeinschaft.» So ist der Weg frei, uns gemeinsam auf die Form von Wortgottesdiensten einzulassen, damit vertraut zu werden.

In meiner heutigen Arbeit mache ich bei der Gottesdienstgestaltung ganz unterschiedliche Erfahrungen. Da sind jene Menschen, die liturgievertraut sind, denen die traditionelle Eucharistiefeier nach wie vor am Herzen liegt. Gleichzeitig treffe ich auch immer mehr und immer öfter Menschen, die sich vom liturgischen Feiern entfremdet haben oder gar nie damit vertraut wurden. Vor allem in der Begleitung von Trauernden, bei Fragen um die Gestaltung von Abschiedsfeiern erlebe ich dies. Da geht es immer öfters weder um die Frage von Eucharistie oder Kommunionfeier. Für immer mehr Menschen sind dies Fremdworte. In solchen Situationen stehe ich vielmehr vor der Herausforderung, die Bedürfnisse der konkreten Menschen wahrzunehmen, ihre Stimmungen, Gefühle aufzunehmen, ernst zu nehmen und ihre Erfahrung in ein grösseres Ganzes zu stellen.

Wortgottesfeier – Reflexion und Anfrage – einige Stichworte
Das Nebeneinander von Wortgottesfeier und Eucharistiefeier ist eine grosse Herausforderung an Priester und Gemeindeleiter/-innen und nur mit gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung möglich. Ebenso braucht es viel Vertrauen zwischen Pfarreiangehörigen und Gemeindeleitenden, die Eucharistie in ihrem Wert anzuerkennen und gleichzeitig Wortgottesfeiern zu würdigen, zu gestalten, mitzufeiern.

Die Wortgottesfeier soll nicht eine Notlösung sein, wenn keine Eucharistiefeier möglich ist. Trotzdem bleibt diese Form des Feierns gekoppelt an die Tatsache des zunehmenden Priestermangels und die Fragen der eingeschränkten Zulassungsbedingungen zu den Weihen in unserer Kirche.

Es braucht ein gutes Gespür am richtigen Ort und im richtigen Moment, auf Mangel, überfällige Reformen und Veränderungen hinzuweisen beziehungsweise bewusst die Fülle unseres Glaubens und den Wert des gemeinsamen Feierns in den Mittelpunkt zu stellen.

Obwohl die Wortgottesfeier bei uns von allem Anfang an mit einer Kommunionfeier verbunden war, gab es dazu immer wieder berechtigte Anfragen, Ängste und Erwartungen:
Für die meisten Gottesdienstbesucher war es selbstverständlich, dass der Kommunionempfang zur Wortgottesfeier gehört: «Wenn keine Eucharistiefeier möglich ist, so möchten wir wenigstens die Kommunion empfangen». Diese Haltung ist sehr verständlich und nachvollziehbar.

Für viele Menschen vermittelt der Kommunionempfang auch eine Kontinuität inmitten der veränderten Gottesdienstgestaltung; für viele ein Moment der ganz persönlichen, tiefen Spiritualität; für andere ganz konkret erfahrbare Wegzehrung. Mit durchaus begründeten, wichtigen theologischen Überlegungen im Wortgottesdienst auf die Kommunionfeier zu verzichten, würde viele Menschen vor den Kopf stossen.

Ich musste lernen, mit dieser Spannung umzugehen, sie seelsorgerlich und theologisch zu verantworten und dementsprechend die Kommunionfeier sorgfältig zu gestalten. Mir war darum wichtig, regelmässig auch die Eucharistie mitzufeiern und mitzugestalten.

Gleichzeitig offen zu sein für neue Formen des Feierns, wurde zu einer sehr befreienden und bereichernden Erfahrung. Ich denke an offene Feiern, vorbereitet und gestaltet mit Gruppen ehrenamtlich Tätiger. Ich denke an viele ökumenische Feiern …Wo immer ich in Gemeinschaft mit andern solche Erfahrungen gemacht habe, wurde etwas von der ungeahnten Fülle unseres Glaubens und unserer Spiritualität spürbar.

Wortgottesfeier – Ausblick und Hoffnung
2014 gab das liturgische Institut Freiburg das von den Bischöfen der deutschsprachigen Schweiz approbierte liturgische Buch «Die Wort-Gottes-Feier am Sonntag» heraus. Es löst die erste Publikation zu Wortgottesdiensten von 1997 ab und nimmt die heutige Situation vieler Pfarreien in den Blick: «Die pastorale Situation in unserem Land hat sich verändert und damit auch das gottesdienstliche Leben. Trotzdem sollen die Gläubigen an einem Sonntag das Wort Gottes in der Gemeinschaft der Kirche hören und so ihre Hoffnung auf ein Leben in Fülle lebendig erhalten».

Das Buch beinhaltet viele Gebete in moderner Sprache. Es enthält Anregungen für spezielle Feiern und die stärkere Beteiligung der Lektoren und Lektorinnen. 

Das Buch will gleichzeitig die Wertschätzungen den nichtgeweihten Theolog/-innen gegenüber ausdrücken. Im Geleitwort der Bischöfe wird ihnen gedankt, dass sie sich seit vielen Jahren um eine lebendige, pastoral und theologisch verantwortete Praxis bemühen. 

Darüber hinaus nimmt das Buch einen Aspekt in den Blick, der immer zentraler wird: Es fehlen in Zukunft nicht nur genügend Priester, sondern ebenso Frauen und Männer mit einem Theologiestudium. Interessierte Personen sollen darum ermutigt werden, einen Kurs zur «Leitung von Wortgottesdiensten in bestimmten Situationen» zu besuchen. Dabei soll ihnen das neue Buch hilfreich zur Seite stehen.

Das Buch «Die Wort-Gottes-Feier am Sonntag» ermutigt, das Wort Gottes in den Mittelpunkt zu stellen, dieses nicht nur zu hören, sondern wirklich zu feiern. Es wird darin allerdings empfohlen, auf die Kommunionspendung zu verzichten. Aber es respektiert Situationen, in denen diese einbezogen wird.

Grundsätzliche Lösungen kann die Schrift nicht aufzeigen. Aber es ist trotzdem eine Ermutigung, neue Wege zu gehen, bei allen Grenzen auch Chancen und Möglichkeiten zu sehen und zu nutzen. 

Wenn es uns gemeinsam gelingt, eine Brücke zu bauen zwischen der biblischen Botschaft und dem eigenen Erleben, wenn so alltägliche Erfahrungen im Lichte der christlichen Botschaft gedeutet und in
einen grösseren Sinnzusammenhang gestellt werden können, dann werden auch Wortgottesfeiern, neu, anders, überraschend, beglückend erfahren werden.  

 

claudia armellino

Claudia Armellino war von 1996 bis 2013 Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Marien Biberist. Heute arbeitet sie als Betagtenseelsorgerin in den Heimen Kriens.