Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Die Welt mit anderen Augen sehen

«Gebildet sein» bedeutet Abstand von der eigenen Sichtweise nehmen zu können, um die Welt mit anderen Augen zu sehen. Dadurch wird dem Einzelnen bewusst, dass seine Sicht durch die eigene Lebensgeschichte, durch die eigene Kultur und die örtlichen Vorstellungen geprägt ist. Andere sehen es anders. Und wenn dieselben Dinge mit den Augen der Wissenschaft, der Kunst oder der Religion betrachtet werden, eröffnen sich je neue Perspektiven. 

Die Welt mit anderen Augen sehen zu lernen, ist eine Grundaufgabe der Schule und ihrer Fächer. Jedes Schulfach eröffnet einen anderen Blick auf die «Welt». Das Denk- und Handlungsvermögen wird erweitert, indem beispielsweise zur faktischen Sprache die symbolische tritt, zum Realitätssinn der Möglichkeitssinn, zur sachlichen Richtigkeit die ästhetische Stimmigkeit. Wer so unterschiedliche Perspektiven einzunehmen lernt, kann Anderes und Fremdes besser verstehen und respektieren, gleichzeitig aber auch für das Eigene einstehen. 

Die religionsbezogene Bildung in der Schule lehrt auf eine besondere Art, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Es ist die Art Unterricht, von der schon die Osterberichte erzählen. Die Frauen und die Jünger sehen zuerst nur die Fakten: das Ende am Kreuz und das leere Grab. Maria von Magdala sieht den Gärtner und auch die Jünger auf dem Weg nach Emmaus erkennen ihn nicht. Sie müssen zuerst lernen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Erst aus der Perspektive des Glaubens erkennen sie den auferstanden Christus. 

Kinder und Jugendliche unserer Zeit sollen ebenfalls die Chance erhalten, die Welt aus der Perspektive der Religionen, die Welt mit den Augen des Glaubens sehen zu lernen. Sie sollen diese Kompetenzen erwerben, um sich kritisch und mündig zu religiösen Dingen verhalten zu können und sich für oder gegen Glaubensansprüche zu entscheiden. Sonst fehlt ihnen und auch den Erwachsenen eine wichtige Dimension, um gebildet zu sein. Für eine gebildete Mehrperspektivität gehört religiöse Bildung an die Schule. 

Ich wünsche Ihnen in den kommenden Tagen österliche Momente, um die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Kuno Schmid