Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Neue Lehrpläne

von Kuno Schmid 

Lehrpläne werden gegenwärtig breit diskutiert. Vieles dreht sich um die Einführung des Lehrplans 21. Aber auch die Deutschschweizerischen Bistümer haben ein Lehrplanprojekt für den Religionsunterricht und die Katechese gestartet. Und in St. Gallen haben die Kirchen in Kooperation mit dem Kanton einen neuen kirchlichen Lehrplan auf der Basis des Lehrplans 21 veröffentlicht. 

Zirka alle zwanzig Jahre werden die Lehrpläne der Schulen überarbeitet. Neue Lehrpläne sind jeweils das Resultat von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen, die den gesetzlichen Bildungsauftrag neu klären und konkretisieren. Die Gesellschaft wandelt sich und mit ihr auch die Vorstellungen von Mündigkeit und Allgemeinbildung. Die Erwartungen im zivilen und beruflichen Leben stellen laufend neue Anforderungen an die Schulen und die heranwachsende Generation. Eine Lehrplanrevision versucht, diese Entwicklung ernst zu nehmen und erprobte Innovationen der letzten Jahre bildungspolitisch zu legitimieren. 

Lehrplan 21: Ethik, Religionen, Gemeinschaft

Der Lehrplan 21 hat primär die Funktion, die Lehrpläne der 21 Kantone mit deutschsprachiger Bevölkerung zu harmonisieren. Er formuliert dazu Kompetenzerwartungen, welche die Schülerinnen und Schüler bis zum Ende der Schulzeit aufbauen sollen. Damit steht er in der Tradition der letzten Lehrplangeneration der 90er-Jahre, die bereits das Lernen von den erwarteten Ergebnissen und nicht mehr vom sogenannten Stoff her formuliert hat. Eine weitere Entwicklung der letzten zwanzig Jahre wird mit dem Lehrplan 21 offizialisiert: der Wandel des Faches «Biblische Geschichte» in den neuen Fachbereich «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» (ERG). Das biblische Fach in staatlicher Verantwortung wurde in den meisten Kantonen im 19.  Jahrhundert eingeführt und galt in manchen reformierten Kantonen gleichzeitig als reformierte Grundbildung. Aufgrund der zunehmenden kulturellen und religiösen Pluralisierung wurde das biblische Fach in verschiedenen Kantonen an die neuen gesellschaftlichen Anforderungen angepasst. Im Kanton Zürich entstand daraus das bekenntnisunabhängige Fach «Religion und Kultur», in der Zentralschweiz das Fach «Ethik und Religionen» oder im Kanton Bern der Fachbereich «Religion-Mensch-Ethik». Diese neu erprobten Modelle werden im Lehrplan 21 als Fachbereich «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» zusammengefasst und in die Bereichsdidaktik von «Natur, Mensch, Gesellschaft» integriert. 

Im Kanton Solothurn hat es schon bisher keinen Bibelunterricht in staatlicher Verantwortung gegeben. Solothurn setzt deshalb den Lehrplan 21 im Bereich ERG nicht um und schafft stattdessen neben dem kirchlichen Religionsunterricht den Fachbereich «Erweiterte Erziehungsanliegen». Die Regierung vertraut darauf, dass die Kirchen weiterhin die zur Allgemeinbildung gehörenden, religionsbezogenen Kompetenzen im kirchlichen Religionsunterricht aufbauen werden. Dafür braucht es jedoch auch die Absicherung der bisherigen Integration des Religionsunterrichts in den Stundenplan der Schulen und die Bereitschaft der Kirchen, mit qualifiziertem Lehrpersonal die Schülerinnen und Schüler über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus in die ethisch-religiöse Bildung einzubeziehen.

www.so.ch/verwaltung/departement-fuer-bildung-und-kultur/volksschulamt/lehrplan-21 

 

ERG-Kirchen im Kanton St. Gallen

Einen solchen Weg gehen die Schulen und die Kirchen im Kanton St. Gallen. Auch in St. Gallen basierte die Bildung im Bereich Ethik und Religion auf der Kooperation mit den Landeskirchen. Diese haben ihren Religionsunterricht schon bisher als Teil des schulischen Bildungsauftrages verstanden. Die Kirchen beteiligen sich deshalb im Rahmen des neuen Lehrplans 21 auch am bekenntnisunabhängigen Fach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft». Von der dritten bis zur neunten Klasse wird dieses einstündige Fach als Wahlpflichtfach ERG-Schule oder ERG-Kirchen angeboten. Die Kirchen nehmen alle Kinder, die ERG-Kirchen wählen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit unentgeltlich in das Fach auf. Sie achten bei ihrer Unterrichtsgestaltung auf die Wahrung der positiven und negativen Religionsfreiheit der Lernenden und respektieren die konfessionelle Neutralität der Schule. Mit ERG-Kirchen wird in St. Gallen eine Forderung der römischen Bildungskongregation umgesetzt, die verlangt, dass sich die Kirche nicht nur für Katechese, sondern ebenso für die Förderung der interkulturellen und interreligiösen Dialogfähigkeit aller Kinder und Jugendlichen engagieren soll. Mit einer Didaktik des Perspektivenwechsels sollen die Schülerinnen und Schüler sowohl sachkundliche als auch unterschiedliche religiöse, insbesondere christliche Perspektiven zu unterrichtlichen Fragestellungen kennenlernen. Auch der parallel zum Wahlpflichtfach angelegte ökumenische Religionsunterricht orientiert sich an den Kompetenzen des schulischen Lehrplans. Die Kirchen leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der im Lehrplan 21 formulierten Kompetenzen. Die Schule profitiert so vom fachlichen Personal der Kirchen und gewährt umgekehrt den Kirchen einen verbindlichen Platz im Schulbetrieb. Eine Herausforderung bleibt es, für diesen schulischen Unterricht genügend kirchliches Personal zu finden, das über die katechetische Ausbildung hinaus genügend pädagogische Kompetenz mitbringt.

www.erg-ru.ch

  

Kompetenzorientierter Lehrplan für Religionsunterricht und Katechese

Die Verantwortlichen der deutschschweizerischen Bistümer haben 2014 ebenfalls einen neuen Lehrplan für den katholischen Religionsunterricht und die Katechese lanciert. Grundlage dafür ist das Leitbild Katechese im kulturellen Wandel. In diesem Grundsatzpapier legen die Bischöfe die Leitlinien religiöser Bildung in der pluralen und säkularisierten Gegenwart fest. Der neue Lehrplan wird ebenfalls kompetenzorientiert formuliert. Es ist nicht mehr primär festgelegt, welcher Stoff in welchem Jahr behandelt werden muss. Vielmehr wird überlegt, in welchen Handlungssituationen des kirchlichen Lebens oder in welchen lebensweltlichen Anforderungen religiöse Kompetenz verlangt wird und wie diese aufgebaut werden kann. Inhaltliche Wissenskonzepte werden erweitert, Tätigkeiten und religiöse Handlungen eingeübt. Die Kompetenzbeschreibungen richten sich jedoch nicht nach den Formulierungen des Lehrplans 21. Der kirchliche Lehrplan will hier bei einer eigenen Sprache bleiben und sich an die klassischen Felder des kirchlichen Handelns halten. 

Erstmals wird grundsätzlich zwischen schulischem Religionsunterricht und Katechese unterschieden. Der Religionsunterricht wird als Bildungsfach am Lernort Schule verstanden, der sich an alle Kinder und Jugendlichen ohne Voraussetzung einer Glaubenshaltung richtet und ihnen einen Zugang zum Christentum erschliessen möchte. Die Katechese hingegen findet am Lernort Kirche statt. Sie setzt eine gewisse Glaubensbereitschaft voraus und führt hin zu den christlichen Handlungsvollzügen wie den Gottesdiensten, den Sakramenten, der Diakonie und dem kirchlichen Leben insgesamt. Die Unterscheidung der Lernorte vermeidet die Irritationen, wenn Katechese in der Schule stattfindet oder im Pfarreizentrum Schule gehalten wird. Der neue kirchliche Lehrplan bildet einen guten Rahmen für die Umsetzungen auf die jeweilige kantonale Realität.

www.reli.ch/netzwerk-katechese/projekte/projekt-lehrplan