Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Jugend

«Ich sinniere über das Verzichten»

von Daniele Supino

Fasten kommt in vielen Religionen vor, es dient als Vorbereitung auf grosse Feiertage, der Erhöhung der Willenskraft, der Reinigung der Seele, dem Streben nach Erleuchtung. Bruder Klaus, der Schutzpatron der Schweiz, war berühmt für sein Fasten: In den letzten 19  Jahren seines Lebens soll er nur die Hostie eingenommen und Wasser getrunken haben. Das schärfte seinen Sinn für Gott. Dieses Wunderfasten faszinierte schon damals viele Leute.

Ihr findet, die Fastenzeit ist schon seit einem Monat vorbei? Bei uns schon, aber beim Islam steht sie noch bevor. Der Ramadan findet dieses Jahr vom 27. Mai bis zum 24. Juni statt. Die Jugendseite wirft einen Blick über den Religionszaun und interviewt den 21-jährigen Akin Yaman aus Langendorf. 

Akin, warum fastest du?
Als Muslim bin ich mit der Tradition des Ramadans aufgewachsen. Im Islam ist das Fasten eine der fünf Säulen und gesellschaftlich sehr angesehen. Als kleines Kind konnte ich es kaum erwarten, dass ich auch fasten durfte! Denn als Kind sollte man noch nicht fasten.

Wie geht es dir beim Fasten?
Bei uns Muslimen darf man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht essen und trinken. Für mich ist es eine besondere Meditationszeit. Es hilft mir innezuhalten und über viele selbstverständliche Sachen nachzudenken. Wir haben ja alles im Überfluss. Beim Fasten merke ich am eigenen Körper, wie es ist, wenn man nichts hat. Ich sinniere über die Bedeutung von Armut, über das Verzichten und darüber, was eigentlich der Sinn des Lebens ist. Ich finde deswegen auch den Abschluss nach dem Ramadan schön: Beim Fastenbrechen, auch Zuckerfest genannt, teilt man das Essen mit unbekannten und bedürftigen Menschen oder auch mit Bekannten. Es ist ein Stück gelebte Solidarität und man spürt den Zusammenhalt während dieser Zeit!

Ist Fasten nicht etwas für konservative Menschen?
Nein, ich empfinde das gar nicht so. Im Islam ist es ja allgemein akzeptiert, auch bei der jungen Generation. Und ich faste ja vor allem für mich: Für mich ist Fasten eine Form von geistiger Disziplin, ich muss mich dazu überwinden, und danach fühle ich mich besser, ja auch körperlich fitter; es ist schön, wenn ich meiner Pflicht als gläubiger Muslim nachkommen kann.

Wie reagieren deine nichtmuslimischen Freunde auf dein Fasten?
Einige vergessen es, oder sie denken nicht daran, dass ich es tue. Die meisten von ihnen respektieren es aber. Es ist nicht so, dass sie mich auslachen und extra vor mir trinken oder essen … Und sie bewundern mich auch ein bisschen. Sie finden, dass sie es selber nicht durchhalten könnten!

 

 

akim

Akin Yaman
Langendorf