Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Maschendrahtzaun

Zehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und der Grenzzäune in Osteuropa stand der Hit «Maschendrahtzaun» in den Charts. Der deutsche Entertainer Stefan Raab verulkte in seinem Song einen Streit am Gartenzaun zwischen zwei Nachbarn. Grenzstreitigkeiten und Zäune passten an der Jahrtausendwende nicht mehr ins Bild der Zeitgenossen. Der freie Reiseverkehr, ein friedliches Miteinander und das Interesse füreinander prägten das Lebensgefühl in Europa, und auch im zwischenmenschlichen Zusammenleben fielen manche Schranken.  

In der Gegenwart feiern Zäune und Grenzen jedoch ein unheimliches Comeback. Nicht nur rund ums Haus werden Maschendrahtzäune höher und stabiler, um dem Bedürfnis nach Sicherheit Ausdruck zu verleihen. Zäune und Mauern werden auch wieder zwischen Staaten und Völkern errichtet, gegen Mexiko zum Beispiel, oder rund um die palästinensischen Autonomiegebiete, oder gegen Flüchtlinge. Diese Stimmung der Abgrenzung prägt auch die Schweiz, und es würde mich nicht erstaunen, wenn sie im Bruderklausen-Gedenkjahr mit dem Zitat «Machet den Zaun nicht zu weit» auch religiös instrumentalisiert würde. Dieser Satz ist im 16. Jahrhundert fälschlicherweise Bruder Klaus in den Mund gelegt und als Argument gegen die Aufnahme Genfs in die Eidgenossenschaft ins Feld geführt worden. Von Bruder Klaus kann diese Aussage jedoch nachweislich nicht stammen. Gerade Solothurn und Freiburg verdanken seiner Vermittlung die Aufnahme in die Eidgenossenschaft und dadurch die Öffnung des Bundes nach Westen. 

Bruder Klaus selbst benutzt in seiner Brunnenvision ein anderes Bild vom Zaun: Da ist ein Zaun, der die Leute abhält, zum Brunnen der Gnade zu gehen. Am Gatter verlangt einer «den Pfennig» als Zutrittsgeld. Aber sie sind sehr arm, müssen schwere Arbeit verrichten und das Geld reicht kaum für den Lebensbedarf und etwas Unterhaltung. Und er sah niemanden hineingehen, um aus dem Brunnen zu schöpfen.

Dies Bild vom Zaun lässt sich spirituell deuten: Alltag, Konsum und Unterhaltung machen den Zugang zu den religiösen Quellen vergessen. Bruder Klaus sucht deshalb einen Weg mit Einsamkeit und Fasten. Das Bild vom Zaun lässt sich aber auch sozialpolitisch deuten: Abzocken und Eigennutz schaffen nicht nur Ungerechtigkeiten und Armut, sondern dadurch werden Menschen ausgegrenzt. Hier klingt das Engagement für Frieden und Gerechtigkeit des Ranftheiligen durch. Beide Interpretationen passen zu Bruder Klaus, der nicht nur mit seiner Zaunkritik, sondern mit seinem Leben Mystik und Politik zu verbinden suchte. 

Ich wünsche Ihnen einen mutigen und kritischen Blick über und durch die Maschendrahtzäune unserer Zeit.  

 

Kuno Schmid