Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Niklaus von Flüe

von Urban Fink-Wagner 

Am 15. Mai 1947, also vor genau 70 Jahren, wurde Niklaus von Flüe von Papst Pius XII. in die Liste der Heiligen aufgenommen. Obwohl Bruder Klaus schon zu Lebzeiten als heilig angesehen und verehrt wurde, fanden seine Selig- und Heiligsprechung erst Jahrhunderte später statt. Hier ein kurzer Überblick.

Niklaus von Flüe (1417 – 1487) folgte 1467 dem Ruf Gottes. Mit 50 Jahren war er gemäss damaliger Lebenserwartung in seiner letzten Lebensphase vor dem Sterben angekommen. Er verliess seine Familie in wohlgeordneten wirtschaftlichen Verhältnissen und beeindruckte seine Zeitgenossen schon kurz nach dem Beginn seines Einsiedler­lebens. Besonders hervorstechend war sein Wunderfasten, das ihm schnell den Ruf der Heiligkeit eintrug. Mit guten Recht überprüfte die Obwaldner Behörde diesen Ruf durch eine einmonatige lückenlose Bewachung, die aufzeigte, dass Bruder Klaus tatsächlich keine Nahrung zu sich nahm. Die von Obwalden gewünschte kirchliche Prüfung führte zum gleichen Resultat. Der Konstanzer Weihbischof Thomas Weldner weihte 1469 die extra für Bruder Klaus erbaute obere Ranftkapelle ein und legte fest, dass dieser einst in der Pfarrkirche Sachseln bestattet werden sollte. Das war bereits eine frühe Anerkennung seines vorbildlichen Lebens. In einem Bericht von 1474 wird Bruder Klaus als ein «lebender Heiliger» geschildert; dieser Ruf verbreitete sich bis zu seinem Tod am 21. März 1487 weit über die Schweiz hinaus. Der Hinschied von Bruder Klaus löste enorme Beileidskundgebungen aus, und man feierte fortan an mehreren Orten jeweils dessen Todestag, auch wenn diese Verehrung kirchlich noch nicht zugelassen war.

Zeugnisse für die Heiligkeit von Bruder Klaus
Bereits 1488 wurden im Kirchenbuch von Sachseln Bruder Klausens wunderbares Leben und 23 Wunder beschrieben, die man auf seine Fürsprache zurückführte. Im gleichen Jahr gab es bereits Streit um die zahlreichen Gaben und Opfer am Grabe von Bruder Klaus. Ebenfalls 1488 wurde am Sachsler Kirchenturm eine Turmuhr mit der Darstellung des seligen Bruder Klaus auf dem Zifferblatt montiert. 1513 wurde eine Statue von Bruder Klaus am Sakramentshäuschen der Sachsler Pfarrkirche angebracht. 1516 wagten es die Sachsler, Bruder Klaus als Turmfigürchen in die wundervolle Kirchenmonstranz zu montieren. 1518 wurden die Gebeine des Seligen ausgegraben und in einen Steinsarkophag überführt, und 1519 wurde Bruder Klaus bereits unter den Heiligen des Bistums Konstanz aufgeführt. Ab 1540 führten die Nidwaldner jährlich eine Landeswallfahrt durch, die Obwaldner ab 1558. 1570 besuchte der Mailänder Kardinal und Erzbischof Karl Borromäus das Grab Bruder Klausens, was als eine Anerkennung der gewohnheitsrechtlichen, aber kirchlich noch nicht approbierten Verehrung von Bruder Klaus gedeutet wurde. Die intensive Bruder-Klaus-Verehrung geschah in den ersten 100 Jahren ohne kirchliche Zustimmung.

Prozessversuche seit 1587
1587 bis 1591 wurde der erste Prozess für die Seligsprechung von Bruder Klaus geführt. Der Prozess erbrachte jedoch keine Resultate, da es wegen ausstehender Soldzahlungen mit dem Nuntius in Luzern ein schweres Zerwürfnis gab und innert 14 Monaten gleich vier Päpste verstarben. Ausserdem scheuten die Schweizer die hohen Kosten einer Seligsprechung.

Erst 1618 wurden die Bemühungen durch einen neuen Informativprozess fortgesetzt, dem 1621 ein Spezialprozess folgte. 1625 wurde ein neues Verfahren durchgeführt, die Prüfung dieser Akten in Rom aber abgebrochen. Papst Urban VIII. erliess zwischen 1625 und 1631 neue Bestimmungen, unter anderem mit der zwingenden Vorschrift, dass vor einer Seligsprechung keine liturgische Verehrung stattfinden dürfe. Die bisherige Bruder-Klaus-Verehrung verstiess eindeutig gegen diese Vorschrift.

Anerkennung der Verehrung
1647 wurde das Grab von Bruder Klaus wiederum inspiziert und 1648 neue Prozessakten erstellt. 1648 erklärte die Ritenkongregation, dass es seit über 100 Jahren eine Verehrung von Bruder Klaus gebe, womit ein Ausnahmefall vorliege. Dadurch, dass Papst Innozenz X. 1649 diese Verehrung bestätigte, durfte Bruder Klaus in Sachseln nun auch im Rahmen der Liturgie verehrt werden. Zwar war Bruder Klaus mit der Kultanerkennung nicht formell selig gesprochen, aber die Anerkennung der Verehrung von Bruder Klaus seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert kam einer Seligsprechung gleich, war also in der Fachsprache eine «beatificatio aequipollens», ein Akt, welcher einer Seligsprechung gleichkam. Im Vorfeld dieser Kultanerkennung wurde aber weder der heroische Tugendgrad von Bruder Klaus festgestellt noch die für eine Seligsprechung geforderten Wunder untersucht und approbiert. 1671 wurde die in Sachseln zugelassene Verehrung auf die ganze katholische Schweiz und das Bistum Konstanz ausgeweitet.

Ein «Solothurner» Heiligsprechungsprozess
Der angestrebte Heiligsprechungsprozess blieb jedoch nach 1672, als ein Messformular für Bruder Klaus approbiert wurde, fast 200 Jahre liegen. Erst 1865 bemühten sich der Basler Bischof Eugène Lachat und der Schweizerische Piusverein unter dem Präsidium des Solothurner Theodor Scherer-Boccard von Solothurn aus, den Heiligsprechungsprozess in Gang zu bringen. Der Obwaldner Regierung war es dann ein Anliegen, auch den Churer Bischof als zuständigen Ortsbischof einzubeziehen. Das Anliegen machte sich schliesslich die ganze Schweizer Bischofskonferenz zu eigen. Was eigentlich schon im Rahmen eines Seligsprechungsprozesses nötig wäre, wurde nun im Heiligsprechungsprozess nachgeholt: 1872 erklärte Pius IX. den sogenannten heroischen Tugendgrad von Bruder Klaus, d. h. dessen heiligmässige Lebensführung.

Der Erste Weltkrieg war in der Schweiz ein Katalysator für die Verehrung des Friedensheiligen. Wichtig war 1917 bis 1921 auch die Veröffentlichung des umfangreichen und wissenschaftlichen Quellenwerks von Robert Durrer über Niklaus von Flüe, dann 1927 auch die Gründung des Bruder-Klausen-Bundes, der die Verehrung noch einmal förderte. 1932 wurde schliesslich der effizient arbeitende Schweizergardekaplan Paul Maria Krieg zum Postulator für den Prozess ernannt, bestens unterstützt durch den Vizepostulator und Bruder-Klaus-Kaplan Werner Durrer. So waren die Kompetenz und auch die notwendige direkte Präsenz in Rom gewährleistet.

Was noch fehlte, waren drei Wunder, die für die Heiligsprechung damals notwendig waren: Wunder an zwei Solothurnerinnen – die Egerkingerin Bertha Schürmann wurde am 18. Mai 1939 von einer Gehirnlähmung und die Büsseracherin Ida Jeker am 26. Juni 1937 von Epilepsie und einer eitrigen Wunde geheilt –, die 1944 von Rom als solche anerkannt wurden. Papst Pius XII., ein guter Kenner der Schweiz, dispensierte vom geforderten dritten Wunder, sodass am 15. Mai 1947 die feierliche Heiligsprechung von Niklaus von Flüe in Rom erfolgen konnte. Solothurn darf für sich beanspruchen, diese initiiert und mit zwei Wundern dank gütiger göttlicher Mithilfe auch ermöglicht zu haben. Anzumerken ist, dass Reformierte, die über Jahrhunderte Bruder Klaus auch als einen der ihren verehr(t)en, über die Heiligsprechung brüskiert waren, da ihrer Meinung nach die Katholiken Niklaus von Flüe so endgültig einseitig für sich «beschlagnahmten».

Bei Niklaus’ von Flüe Frau Dorothea ist eine Heiligsprechung aufgrund fehlender historischer Dokumente nicht möglich. Aber Johannes Paul II. bezeichnete Dorothea 1984 als «heiligmässig» – sozusagen eine «beatificatio aequipollens» also auch für sie. 

Montag, 15. Mai 2017, 19.30 Uhr 
Marianischer Saal, 4. Stock

Bahnhofstrasse 18, Luzern 
Vortrag von Dr. Urban Fink-Wagner: 
«Der lange Weg zur Selig- und Heiligsprechung von Bruder Klaus» im Rahmen der Vortragsreihe des Trägervereins «600 Jahre Niklaus von Flüe». Freier Eintritt. 

Donnerstag, 30. November 2017, 19.30 Uhr 
Museum Altes Zeughaus, Solothurn 

Vortrag von Dr. Urban Fink-Wagner:
«Niklaus von Flüe und der Kanton Solothurn» im Rahmen der Vorträge des Historischen Vereins des Kantons Solothurn.

 

Urban Fink-Wagner:
Der Historiker und Theologe ist Geschäftsführer der Inländischen Mission. Zusammen mit Roland Gröbli und Peter Spichtig zeichnet er für www.bruderklausblog.ch verantwortlich, auf dem im Jubiläumsjahr regelmässig Blogbeiträge über Niklaus von Flüe und dessen Zeit erscheinen, Dorothea inklusive.