Aktuelle Nummer 20 | 21 | 2019
29. September 2019 bis 26. Oktober 2019

Editorial

Muttertag neu bedenken

Ich weiss, wie viel mir meine Mutter grundgelegt und mitgegeben hat, dafür bin ihr dankbar. Trotzdem habe ich ein zwiespältiges Verhältnis zum Muttertag. Zu sehr wurde er missbraucht, um gegen die Gleichberechtigung der Frauen mobil zu machen. Hausfrau und Mutter, das war die herkömmliche Aufgabe der Frauen. Dafür sollten sie geehrt werden, aber sicher nicht für die modernen Ideen von Frauen im Berufsleben oder Frauen in der Politik. Der Film «Die göttliche Ordnung» zeigt es nochmals deutlich, wie sehr die konservative Gesellschaft und die Kirchen die Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter zurückbinden wollten und die alte Machtverteilung mit göttlichen Argumenten verteidigten. 

Heute gibt es für Frauen und Männer vielfältigere Möglichkeiten der Lebensgestaltung, auch wenn längst noch nicht alle Vorurteile und Zuschreibungen beseitigt sind. Deshalb kann der Blick unverkrampfter auf die Arbeit von Müttern und Vätern gelenkt werden, die sich tagtäglich für ihre Kinder einsetzen. Die Geschichte von Sabrin in Bethlehem ist stellvertretend ein Beispiel dafür. Sie zeigt eine Haltung, die das Kind ins Zentrum stellt und dieses stark und selbstständig machen will. Solche mütterliche Haltungen finden sich nicht nur bei Eltern, sondern auch bei Menschen in pädagogischen Berufen, bei Lehrpersonen, die nicht nur Stoff behandeln, sondern die Kinder und Jugendlichen mit Kompetenzen ausrüsten, damit sie die Anforderungen des Lebens bewältigen können. 

Mit diesem Kind im Zentrum identifiziert sich Gott, nicht nur an Weihnachten. Auf zahlreichen Darstellungen ist es Maria, die auf das göttliche Kind verweist und uns ermutigt, das Göttliche in jedem Kind zu erkennen. Der Muttertag und der ganze Marienmonat Mai laden uns dazu ein. Es geht um die Aufmerksamkeit für Kinder, Schwache und Randständige, aber auch um die Verantwortung für die Lebenschancen zukünftiger Generationen.

Ich wünsche Ihnen frohe Maientage.

Kuno Schmid