Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Der Wengistein

Der «Wengistein» beim Eingang zur Solothurner Verenaschlucht befinde sich auf gleicher Höhe wie die Spitze des Sankt Ursenturms, sagt man. Dieser Vergleich lässt sich überprüfen, wenn man vom Wengistein die Aussicht Richtung Stadt und Alpen geniesst. Der Findling aus Granit ist im Jahre 1813 als Denkmal errichtet worden. Das Denkmal soll an zwei Ereignisse der Solothurner Geschichte erinnern und diese aus der Perspektive der «neuen Zeit» als zwei wichtige Tugenden deuten: Humanität und Toleranz. 

Humanität verbindet sich mit dem eingravierten Jahr 1318. Die Stadt Solothurn wird von Herzog Leopold belagert. Als das Heerlager des Herzogs durch die Aare überschwemmt wird, retten die Solothurner ihre Feinde im Geist der Nächstenliebe aus dem Hochwasser.  

Toleranz bezieht sich auf die zweite Inschrift zum Jahr 1533. Schultheiss Niklaus Wengi stellt sich vor die Geschütze der Altgläubigen, die gegen die Neugläubigen in der Vorstadt gerichtet sind. Im Unterschied zu den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Reformierten und Katholiken andernorts vermittelt Wengi in Solothurn eine einvernehmliche Lösung inmitten der Reformationswirren.  

Der Kanton Solothurn bleibt zwar in der Folge beim «alten Glauben». Trotzdem gehört dieser «Wengi-Geist» zentral zum solothurnischen Reformationsgedenken. 

Die Werte von Humanität und Toleranz werden in der Zeit der Aufklärung immer wieder als Solothurner Tugenden in Erinnerung gerufen. Insbesondere die liberalen Katholiken des 19. Jahrhunderts machen sich den «Wengi-Geist» zu eigen und treten, manchmal gar militant und nebst anderem, für eine humanitäre, tolerante Gesellschaftsordnung ein. 

Der Wengistein als Denkmal für Humanität und Toleranz misst sich an der Höhe des Kirchturms und unterstreicht damit, dass die säkularisierten Werte im Ethos des christlichen Glaubens wurzeln und daran Mass nehmen. Sie haben Gültigkeit auch für die Gegenwart und sind eine Grundlage für das gelingende ökumenische Miteinander, das diesen Kanton auszeichnet. 

Ich wünsche Ihnen zu Pfingsten aus der Fülle des Geistes Gottes auch ein wenig solothurnischen «Wengi-Geist».

 

Kuno Schmid