Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Reformationen in Deutschland, in der Schweiz und im Kanton Solothurn

Urban Fink-Wagner: Der Historiker und Theologe ist Geschäftsführer der Inländischen Mission.

von Urban Fink-Wagner

Schon der Titel legt es nahe: Eigentlich ist es falsch, wenn wir von der Reformation sprechen, richtig ist die Umschreibung der Glaubensspaltung als Folge von mehreren Reformationen, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen. Wenn in diesem Jahr auch in der Schweiz der Reformation gedacht wird, ist das etwas zu früh. Erst 1519 kam Ulrich Zwingli als Pfarrer nach Zürich und brachte in den folgenden Jahren die Reformation ins Rollen. In Bern und Basel erfolgte die Reformation sogar erst in den Jahren 1528 und 1529, in Genf durch Jean Calvin erst 1536. Hier ein paar Grundlinien zur Entwicklung in der Schweiz und im Kanton Solothurn – gezwungenermassen stark vereinfacht.

Was ist die Reformation? Darunter werden Kirchenreformen sowie religiöse und politische Aufbrüche im 16. Jahrhundert verstanden, die zur Glaubensspaltung in Westeuropa und weltweit führte. Neue Konfessionen lutheranischer bzw. reformierter Prägung entstanden. Diese Glaubensspaltung war ursprünglich nicht beabsichtigt, sie war aber die Folge vieler Konflikte zwischen den verschiedenen Reformatoren und Reformbewegungen einerseits und dem Papsttum und den Anhängern der bisherigen Ordnung andererseits. Die früher enge Verbindung zwischen weltlicher und kirchlicher Gewalt wurde gebrochen, was Freiräume für den neuen Glauben eröffnete. Die neuen Konfessionen waren staatskirchlich geprägt, und die Gewissensfreiheit ist keine Folge der Reformation, sondern nachfolgender Entwicklungen.

Die Reformation in Deutschland
Auslöser der Reformation in Deutschland war der Augustinermönch Martin Luther (1483 – 1546). Die innere Not auf der Suche nach einem gnädigen Gott und die Missstände in der Kirche lösten bei ihm eine Entwicklung aus, welche die bisherige Deutungshoheit Roms und des Papsttums in Frage stellte. Nachdem Martin Luther 1517 mit seinen 95 Ablassthesen die bisherige Beichtpraxis in Frage stellte, griff er 1520 in der dank der Druckerpresse nun rasch verbreiteten Schriften das Papsttum und die bisherige Tradition insgesamt frontal an. Dabei wurde er vom deutschen Adel unterstützt und gegen den Zugriff von Kirche und Kaiser geschützt. 

Grundzüge der Reformation
Drei Prinzipien wurden für die Reformation grundlegend: 
1. Allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die Tradition «sola scriptura». 
2. Allein Christus hat die Autorität über die Gläubigen, nicht die Kirche «solus Christus». 
3. Allein durch die Gnade Gottes wird der glaubende Mensch errettet, nicht durch eigenes Tun und eigene Werke «sola gratia».  

Diese Punkte sind noch heute der gemeinsame Nenner aller lutheranischen und protestantischen Kirchen. Unter der Vielzahl der Sakramente galten für Luther nur die Taufe und das Abendmahl als biblisch begründet. Das Ganze entwickelte sich letztlich zu einer grundsätzlichen Infragestellung des kirchlichen Amtes und der bisherigen Tradition.

Die Reformation in Zürich
In Zürich setzte die Reformation später ein. 1522 fand in Zürich zu Beginn der Fastenzeit in kleinem Kreise ein Wurstessen statt. Dies war eine öffentliche Provokation und beförderte die Auseinandersetzungen. 1523 sprach sich Zürich im Rahmen von zwei Glaubensdisputationen für die Reformation aus, schuf die Heiligenverehrung ab und führte erstmals einen Bildersturm durch. 1524 wurden die Klöster aufgehoben, deren Besitz verstaatlicht und für die Sozialfürsorge eingesetzt. Die Kirche wurde dem Stadtrat unterstellt und damit der Autorität des Bischofs von Konstanz entzogen. Das kirchliche Verbot, Geld gegen Zinsen zu verleihen, wurde aufgehoben. Die Abschaffung der Messe zugunsten des Predigtgottesdienstes in deutscher Sprache erfolgte aber erst zu Ostern 1525. Fortan waren Altgläubige gezwungen, Zürich zu verlassen. 1529 gelang es Martin Luther und Ulrich Zwingli jedoch nicht, die beiden Reformationen auf eine Linie zu bringen.

Die Reformationen in der übrigen Schweiz
In Bern und Basel, in unmittelbarer Nachbarschaft Solothurns gelegen, erfolgte die Reformation erst in den Jahren 1528 und 1529, in Genf schliesslich erst 1536. Mit der Eroberung der Waadt im Jahre 1536 durch den Stand Bern breitete sich die Reformation im Gebiet der heutigen Schweiz massiv aus. Die Innerschweizer Orte entschieden sich bereits 1524 deutlich für den alten Glauben, ebenso der ab 1536 völlig von Berner Gebiet umgebene Stand Freiburg. 

Die gescheiterte Reformation in Solothurn
Die altgläubigen Orte umwarben Solothurn, ja katholisch zu bleiben, während das mächtige und bedrohlich nahe Bern und später auch Basel seinen Nachbarn zur Reformation bewegen wollte. In eine Zwickmühle geraten, erlaubte die Solothurner Obrigkeit 1528 die Glaubensfreiheit. Die Franziskanerkirche wurde zu einem Zen­trum der Reformierten, und der Stand Solothurn bemühte sich auch im Bund der Eidgenossen, zwischen katholisch und reformiert zu vermitteln. 1529 wurden in den Solothurner Gemeinden zwei Umfragen gestartet, die jedoch kein eindeutiges Resultat erbrachten. Die Stadt Solothurn, vor allem auch die regierende Oberschicht, wollte beim alten Glauben bleiben, während die Landschaft eher in Richtung Reformation tendierte. Ein wichtiger Faktor war 1530 schliesslich die Wohnsitznahme des französischen Botschafters in Solothurn, der seinerseits Druck ausübte, dass sein Umfeld katholisch blieb und die Zufuhr von Solothurner Söldnern gewährleistet war. Dies deckte sich mit den Wünschen der Solothurner Oberschicht.

Wichtig wurde schliesslich 1531 der Sieg der Katholiken im Zweiten Kappeler Krieg. Solothurn war zwar mit den unterlegenen Bernern verbündet, blieb jedoch aufgrund des Druckes von den katholischen Siegern und dem französischen Ambassador beim alten Glauben. Daran konnte auch ein Aufstand des nur noch kleinen reformierten Solothurner Kreises im Jahre 1533 nichts mehr ändern. Wenigstens verlief diese Erhebung dank des beherzten Eingreifens des katholischen Schultheissen Niklaus Wengi ohne Blutvergiessen. Eine Ausnahme blieb der Bezirk Bucheggberg. Das übermächtige Bern, das dort Sonderrechte hatte, konnte die Reformation durchsetzen.

Und heute?
Im Gegensatz zu den meisten anderen Orten verliefen diese Auseinandersetzungen im Kanton Solothurn ohne Blutvergiessen, auch wenn die Konfessionalisierung bis in das 20. Jahrhundert hinein massive Grenzen zwischen katholisch und reformiert aufbaute. Viele Grenzen wurden erst mit der Anerkennung der Religionsfreiheit durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 1965) niedergerissen. Heute sind viele biblische und theologische Fragen kein Trennungsgrund mehr. Unterschiede im Amts- und Sakramentenverständnis sind vorhanden, werden aber kaum diskutiert, da sich in der Praxis eine Ökumene entwickelt hat, die kaum an theologischen Fragen interessiert ist. Das ist einerseits verständlich, ja erfreulich. Andererseits aber könnte die Ökumene noch vertieft werden, wenn wir uns der Herausforderung stellen, theologische und ethische Unterschiede zu diskutieren und gemeinsame Lösungen, gerade auch im ethischen Bereich, zu suchen und umzusetzen. Denn das wäre ein starkes Zeichen für die christliche Botschaft, die in der heutigen Gesellschaft immer mehr an den Rand gedrängt wird.