Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Implizit und explizit

In zahlreichen Gemeinden und Pfarreien stehen die Sommerlager der Jugendorganisationen wie Pfadi, Cevi oder JuBla bevor. Die jugendlichen Leiterinnen und Leiter bereiten sie mit Kreativität und Engagement vor, um den Kindern authentische Gemeinschaftserfahrungen und Erlebnisse in der Natur sowie bei Spiel und Sport zu ermöglichen. Über Generationen haben so junge Menschen Verantwortungsübernahme eingeübt und ihre Selbstständigkeit entwickelt. Kinder und Jugendliche kommen existenziell mit Grundfragen des Lebens in Kontakt und erleben ohne viele Erklärungen friedliches Zusammen­leben, Konfliktlösungen, Lebensfreude und christliche Grundwerte. Manche sagen später, dass diese spielerischen und besinnlichen Momente der erlebten Lagerkultur die glaubhaftesten Erfahrungen von Kirche gewesen seien. Es sind implizite Glaubenserfahrungen in einer für Kinder und Jugendliche zugänglichen Art, die auf eine explizite theologische Sprache verzichten. 

Das sah auch Bischof Markus Büchel so, nachdem er als damaliger Präsident der Schweizer Bischofskonferenz die über 100 Ateliers anlässlich des Bundeslagers «Jublaversum 2016» besucht hatte. Er würdigte: «Auch das ist katholische Kirche.» Eine andere Perspektive hatte Jugendbischof Eleganti auf denselben Anlass. Seine Angebote in einer Kapelle aus Plastik wurden nur wenig besucht, und er zweifelte an der Religiosität der Jugendorganisationen. Für ihn standen weniger die kindgemässen Formen des Lagerprogramms und das implizite Wirken eines christlichen Geistes im Zentrum, als die ausdrückliche Rede von Jesus Christus und die Feier der Sakramente. Er vermisste die Stimmung, wie sie sich an Weltjugendtagen zeigt, an denen sich Jugendliche wie an Popkonzerten für religiöse Feiern begeistern lassen und Gott lobpreisen. Auch das ist katholische Kirche. Für manche Jugendliche ist die spontane Teilnahme an einem Grossevent zugänglicher und zeitgemässer, für andere ist es das verantwortungsvolle Engagement in einer Jugendorganisation. Beide Formen sind jedoch aufeinander angewiesen. Explizite Formen schützen vor dem Verlust religiöser Sprache, implizite Formen schaffen den Bezug zu lebensweltlichen Erfahrungen. Das eine gegen das andere auszuspielen würde jedoch einem umfassenden Verständnis von Katholizismus widersprechen. 

Ich wünsche Ihnen erlebnisreiche Sommertage mit ermutigenden und wertschätzenden Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen. 

Kuno Schmid