Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Besuchen und Begegnen

Salesianische Spiritualität verstand ich noch besser nach einem Gespräch mit Sr. Marie-Dominique, der letzten Frau Mutter des Klosters Visitation in Solothurn. Franz von Sales hatte vor 400 Jahren zusammen mit Johanna Franziska von Chantal eine Bewegung von Christinnen initiiert, die auf Besuch gingen (Visitation, mundartlich «Visite»), wie einst Maria ihre schwangere Verwandte Elisabeth besucht hatte. Die neue Gemeinschaft suchte Alte, Kranke, Obdachlose und Notleidende auf und verlieh ihnen in der Begegnung menschliche Würde. In diesem Aufsuchen und Begegnen wurde die Beziehung zum Nächsten und zu Gott inmitten der Welt sichtbar und erfahrbar. Die Kirchenoberen befürchteten jedoch, dass diese Art von «Weltfrömmigkeit» den besonderen Status von Klerus und Orden gefährden würde. Die Visitantinnen wurden folglich zu Klostergemeinschaften zusammengefasst, Begegnungen gab es für lange Zeit nur noch innerhalb des Klosters. 

Salesianisches Gedankengut begegnete mir in meiner Jugend vor allem über Don Bosco, Patron der Jungwacht und Gründer der Salesianer. Er sammelte arbeitslose und verwahrloste Jugendliche und förderte sie in seinen Werkstätten, Bildungs- und Begegnungsräumen. Im gemeinsamen Arbeiten und Spielen ermöglichte er ihnen Perspektiven und Sinn für ihr Leben. Er kopierte Franz von Sales nicht, sondern interpretierte das Aufsuchen, Begegnen und Beziehung-Schaffen im 19.  Jahrhundert neu. Das nahm auch die kirchliche Jugendarbeit ernst und variierte den Zugang und die Arbeitsweise mit den Jugendlichen in den letzten fünfzig Jahren vielfältig. Es galt nicht, Don Bosco zu kopieren, sondern das Aufsuchen, Begegnen und Beziehung-Schaffen zeitgemäss zu ermöglichen. 

Salesianisch heute? Franz von Sales sagte, die «Frömmigkeit» müsse je nach Beruf und Lebensform anders ausgeübt werden und der Beschäftigung und den Pflichten angepasst sein. Was heisst das heute für jugendliche Performer, für die Socialmedia-Community, für Menschen in prekären Lebenssituationen oder in einem herausfordernden Beruf? Salesianische Antworten gilt es je neu zu entwerfen.

Ich wünsche Ihnen Besuche und Begegnungen, die vielfältige Beziehungen ermöglichen.

Kuno Schmid