Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Kloster Visitation

von Silvia Rietz

Vor 372 Jahren sind die ersten Schwestern der Visitation in Solothurn eingezogen. Nun wurde die Solothurner Ordensgemeinschaft Ende Mai 2017 aufgelöst. Die letzte im Kloster Visitation lebende Salesianerin, Sr. Marie-Dominique Bucher, übergab die Verantwortung für das Kloster an die aus Indien stammende Ordensgemeinschaft der Sisters of Sacred Sciences (SSS). Damit endet die Ära der Visitationsschwestern in Solothurn.

Kurz nachdem der Orden «Visitation Ste. Marie» (Maria Heimsuchung) von Franz von Sales und Johanna Franziska von Chantal in Annecy gegründet wurde, öffneten die beiden einzigen in der Schweiz ansässigen Visitations-Klöster ihre Pforten: 1635 in Freiburg und 1645 in Solothurn. Nachdem das erste im Obachquartier gelegene Klostergebäude wegen dem Schanzenbau abgerissen wurde, bezogen die Schwestern 1679 das heutige Visitations-Kloster an der Grenchenstrasse in Solothurn. 2007 übergab die Schwesterngemeinschaft die gänzlich unterDenkmalschutz renovierten Klostergebäude und den Klosterbesitz dem bischöflichen Verein Basilea, der die diözesanen Liegenschaften verwaltet. «Diesen Schritt vollzogen wir, um das barocke Juwel für Stadt und Kanton zu erhalten und um eine nachfolgende Schwesterngemeinschaft vom Liegenschaftsunterhalt zu befreien», erklärt Schwester Marie-Dominique, die dieses Projekt als Frau Mutter zusammen mit den verstorbenen Vorgängerinnen Marie-Jacqueline und Marguerite-Marie aufgleiste.  

Nach der Schlüsselübergabe
Die 82-jährige Salesianerin lebt als einzige Visitationsschwester noch in der Visitation, ihre betagten Mitschwestern Marie-Hélène und Marie-Pascale weilen im Elisabethenheim auf dem Bleichenberg. Mit der Schlüsselübergabe hat sie ihr Amt als Oberin des Klosters abgegeben und die Verantwortung an die indischen Sisters übertragen. Die Salesianerin ist glücklich, dass das Kloster Visitation als semi-kontemplative Heimat einer Ordensgemeinschaft weiterbestehen wird. Daraufhin hat eine von Generalvikar Markus Thürig geleitete Arbeitsgruppe und der 2010 gegründete und rund 300 Mitglieder zählende Förderverein hingewirkt. Dem Vorsitzenden des Vereins Basilea liegt die Zukunft der Klostergemeinschaft am Herzen. Markus Thürig: «Die Sisters of Sacred Sciences leben ihre Berufung in der Kontemplation und in ihrem Apostolat, der Glaubensunterweisung Erwachsener und dem Begleiten geistlicher Einkehrtage. Ich hoffe, dass diese Schwesterngemeinschaft den salesianischen Geist in der Region Solothurn wachhalten kann. Das wäre eine wertschätzende Weiterführung dessen, was die Visitantinnen über Jahrhunderte hier gelebt haben.»

In Solothurn integriert
SSS-Generaloberin Schwester Siji lebt seit 2003 im Kloster Visitation, hat sich gut integriert, studierte in Fribourg Theologie. Sie freut sich auf die neue Aufgabe: «Nach aussen wird sich nicht viel ändern. Wir setzen uns dafür ein, dass der spirituelle Ort erhalten bleibt. Wie bis anhin bieten wir Eucharistiefeier, Exerzitien, Besinnungstage, tägliche Anbetung sowie Bildungsprogramme an. Unser Auftrag lautet, für das Kloster und das Ordensleben verantwortlich zu sein. So, wie es uns das Franz von Sales Leitwort ‹Blühe, wo Du gepflanzt bist› vorgibt.» Der Orden der Sisters of Sacred Sciences (Sorores Scientiarum Sacrarum, SSS) wurde 1997 vom Salesianer Antony Kolencherry in Indien gegründet. Auch er lebt seit 2003 in Solothurn, ist als Seelsorger in Lommiswil tätig und als Spiritual im Kloster Visitation aktiv. Pater Antony ist zu danken, dass die SSS-Gemeinschaft in Solothurn Fuss gefasst hat: «Die Spiritualität des Heiligen Franz von Sales ist unser gemeinsames Erbe und hat uns zusammengeführt. Dieses Vermächtnis gilt es zu bewahren. Der Geist des Stifters wird gemäss dem Charisma der SSS-Ordensgemeinschaft fortgesetzt.» Mit dem Weiterbestehen des Klosterlebens und der Übergabe an die Sisters erfüllt sich der Wunsch der Solothurner Salesianerinnen und auch das zentrale Anliegen des Fördervereins: Das Kloster Visitation als spirituellen Ort der Begegnung zu erhalten. 

 

 

Silvia Rietz
ist Redaktionsleiterin der «Solothurner Woche» und Präsidentin des Fördervereins Kloster Visitation.

 

Der Heilige Franz von Sales und seine Spiritualität

Franz von Sales (1576 bis 1622) lebte im französischen Annecy, im Herzogtum Savoyen, in einer von Religionskriegen geprägten Zeit. Die Reformation war in vollem Gange, der Adel schwelgte in Luxus, die Landbevölkerung war bitterarm. In diesem Umfeld wirkte Franz von Sales als Fürstbischof von Genf, mit Amtssitz in Annecy, als Mystiker und Kirchenlehrer. In einem publizistischen Umfeld, in dem sich Katholiken und Calvinisten polemisch bekämpften, fühlte er sich nur der Wahrheit verpflichtet. Bevor er schrieb, recherchierte er ausgiebig. Auch wenn er die Politik und die Kirche kritisierte. Dabei leitete ihn die Devise: «Behandle die Sünde scharf, den Sünder aber milde.» Ergo wurde der heilige Franz von Sales nicht nur der Patron der Städte Genf, Annecy und Chambéry, sondern auch der Schriftsteller, Journalisten und der Gehörlosen. Alles, was Franz von Sales dachte, sagte oder tat, war von einer unerschöpflichen Liebe bestimmt. Die Liebe stand für ihn – in ihren unterschiedlichen Formen als Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe – an erster Stelle. Sie empfand er als Fundament, als Anfang, Weg und Ziel des christlichen Lebens. Er war überzeugt, dass alles aus dem Herzen, dem Sitz der Liebe, komme. Franz von Sales errichtete 1610, gemeinsam mit der verwitweten Baronin Johanna Franziska von Chantal, das erste karitative Visitations-Kloster. 1618 verwirklichten sie die Gründung der Visitation in Annecy als eigentlichen (kontemplativen) Orden der Heimsuchung Mariens, der von Papst Paul V. anerkannt wurde. Die Ordensregel stellt die Liebe zu Gott und zu den Menschen in den Mittelpunkt. 

Von Franz von Sales sind viele Aussprüche überliefert – (Wer sich danach sehnt, Gott zu lieben, liebt ihn schon. Alles aus Liebe, nichts aus Zwang. Die Liebe allein bestimmt unser Tun). Den Ruhm als geistlichen Schriftsteller begründete die aus Briefen und Abhandlungen entstandene «Anleitung zum frommen Leben», bekannt als «Philothea». Der noch immer aktuelle Bestseller der christlichen Literatur war bereits 1656 in 17 Sprachen übersetzt worden. Für die damalige Zeit gewiss aussergewöhnlich. Franz von Sales verstand es, die Menschen mit einer lebensbejahenden Spiritualität zu begeistern. Von ihm stammt das Wort: «Um ein guter Christ zu sein, braucht man nicht in ein Kloster einzutreten; das kann man auch an dem Platz verwirklichen, an dem man wohnt, arbeitet, lebt.» Für die damalige Zeit ein revolutionärer Gedanke, der viele Menschen ermutigte. Auch mit dem Ausspruch: «Sei, wie Du bist, Du brauchst Dich nicht anders zu zeigen, als wie Du bist, denn Gott liebt Dich», bewies Franz von Sales, wie umfassend er Gott vertraute, wie sehr er die Menschen liebte und achtete. 

Quellen: «Franz von Sales», Dirk Koster osfs, «Philothea», Franz von Sales; «350 Jahre Kloster Visitation in Solothurn», Franz Wigger.