Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

FROHE WEIHNACHTEN!

Meine langjährige Bekannte Freda O’Brien bastelt seit Ende Mai in Dublin Weihnachtsüberraschungen. Anfangs August hatte sie ihre erste pränatale Krise und konnte sich nur noch mit äusserstem Widerwillen mit dem glänzenden Christbaumschmuck und anderem Jingle-Bell-Firlefanz beschäftigen. Doch als führende Designerin von gewaltigen künstlichen Nordmanntannen in der irischen Kapitale und gefragte Dekorateurin von Restaurants und Shoppingcentern kommt sie um diesen Job nicht herum, auch wenn draussen die Sonne scheint und das Thermometer sogar in Irland über 25 Grad steigt.

«Weihnachten ist ganz klar ein Ganzjahresgeschäft», erklärte mir vor Kurzem die Chefeinkäuferin einer grossen Schweizer Warenhauskette. Wenn die spröden Weihnachtsbäume im Januar aus dem Haus gezerrt werden, erfolgt für die Weihnachtsprofis bereits wieder der Startschuss für die neue Christmas-Collection. Es soll übrigens auch romantische Zeitgenossen geben, die ihren geliebten Weihnachtsschmuck das ganze Jahr über stehen und hängen lassen. Ich kann das nicht – und bekenne mich gerne dazu: Ich bin ein Weihnachts-Purist. Für mich beginnt die Weihnachts- nach wie vor mit der Adventszeit.    

Das kümmert die Weihnachtsmaschinerie natürlich leidlich wenig. Denn während wir alle den Sommer geniessen, läuft bei grossen Warenhäusern längst die Vorbereitung fürs Weihnachtsgeschäft. Es gilt, die richtigen Artikel rechtzeitig zu bestellen, damit sie im Winter in ausreichender Menge auf Lager sind. Die ersten Weihnachtspräsente stehen dann bereits im Oktober in den Regalen und im November taucht auch die Vorhut der Weihnachtsmänner auf. Der 6. Dezember als offizieller Startschuss wird schon seit geraumer Zeit kaum mehr wahrgenommen und auch dem Erscheinungsbild der vorweihnächtlichen Gabenbringer sind schier keine Grenzen gesetzt. Der höchst anpassungsfähige Weihnachtsmann ist zum Sinnbild des modernen Weihnachtsentertainments geworden.  

Doch das habe ich über die Jahre hinweg gelernt: Man darf sich nicht vom Markt den Lebensrhythmus diktieren lassen. Im Extremfall nützt es sogar, sich ab und zu antizyklisch zu verhalten. Meiner vorweihnachtlich geschädigten Bekannten in Dublin werde ich übrigens im nächsten Jahr – wenn irgendwo erhältlich – im Herbst ein paar Schoggihasen schicken. 

Mit freundlichen Grüssen, Reto Stampfli