Aktuelle Nummer 18 | 2017
20. August 2017 bis 02. September 2017

Schwerpunkt

Gott erfahren heute

Unter diesem Titel gehen die Autoren auf Spurensuche, wie sich eine göttliche Wirklichkeit in der säkularen Welt des 21. Jahrhunderts wahrnehmen und erfahren lässt. Die beiden Solothurner Theologen Hans A. Stricker (reformiert) und Franz Eckert (katholisch) waren viele Jahre als Lehrer
an der Kantonsschule Solothurn tätig. Die langjährige gemeinsame ökumenische Bildungsarbeit und die daraus entstandene Freundschaft sind die Basis für ihre gegenwartssensiblen theologischen Impulse und Reflexionen. In zehn Kapiteln führen sie
die Leserinnen und Leser durch unterschiedliche Lebensbereiche. Über Erfahrungen, Fragen und Zweifel regen sie Auseinandersetzungen mit eigenen Lebensthemen an. Und sie zeigen, inwiefern diese Lebensthemen für Gotteserfahrungen offen sind. Exemplarisch werden hier einige Aspekte beleuchtet. Das Buch ist eine lohnende Ferienlektüre.

Open-Air-Saison
Die Sommerzeit ist landauf und landab geprägt von den kleinen und grossen Open Airs. Zu unterschiedlichen Musikstilen der modernen Popmusik treffen sich Hunderte, ja Tausende von Jugendlichen und Erwachsenen zu den Festivals. Die Teilnahme wird zu einer emotionalen Gemeinschaftserfahrung von Freiheit, Ausgelassenheit und Freude am Leben. Viele Teilnehmende schildern, dass sie in Tanz und Begeisterung, ja in ekstatischem Kick auch innerlich berührt seien. Solchen Phänomenen gehen die Autoren sorgfältig nach und fragen, ob sich hier nicht «Türen und Tore für eine Gotteserfahrung öffnen». (Seite 146) Sie hüten sich davor, solche Veranstaltungen religiös zu vereinnahmen. Vielmehr tasten sie ab, ob durch den Austausch über das gemeinsam Erlebte, diese Gefühle, Sehnsüchte und Überwältigungen ins persönliche Leben mitgenommen werden können. Es geht ihnen darum, sinnliche Erlebnisse durch Nachdenken zu sinnhaften Erfahrungen werden zu lassen und diese auch sprachlich ausdrücken zu können. Erst in solchen Erfahrungen lässt sich manchmal rückwirkend eine Gotteserfahrung erkennen. 

Hinaus aus dem «Theotop»
In Anlehnung an die gemeinhin verständliche Vorstellung, was ein Biotop ist, hat Georg Langenhorst den Begriff «Theotop» geprägt. Er beschreibt damit, dass die theologische Sprache nur innerhalb eines kirchlichen Binnenraums verwendet wird. Innerhalb des «Theotops» wird diese theologische Sprache zwar als plausibel und hilfreich geschätzt und gehütet. Ausserhalb des «Theotops» wird sie nicht mehr verstanden, und – je kleiner die «Theotope» werden, desto weniger bemüht sich die Aussenwelt darum, sie zu verstehen. Hier leisten die Autoren Eckert und Stricker Grossartiges. Sie verlassen das «Theotop», auch sprachlich, und stellen die theologischen Grundfragen neu aus der Perspektive und der Erfahrungswelt der säkularen Gesellschaft. Sie versuchen den modernen Menschen einzuladen, das, was er erlebt, – in der Natur, im Umgang mit Literatur, mit Musik, mit Medien, mit Körperlichkeit und Sexualität, mit der eigenen Lebensgeschichte – für eine göttliche Wirklichkeit zu öffnen. Und sie geben den Leserinnen und Lesern Anteil daran, wie ihnen selbst die biblischen Erzählungen zu hilfreichen Formen für die Deutung der eigenen Erfahrungen geworden sind. 

Unsichtbares sichtbar machen
Eine Sprache, die sich mit Religion beschäftigt, kommt nicht um Bilder herum. Denn das, was ausgedrückt werden soll, lässt sich nur im übertragenen Sinn sagen. Wenn also von Gott gesprochen wird, ist auch die Frage nach dem Gottesbild zu stellen. Das biblische Gebot, sich keine Gottesbilder zu machen, wird in den christlichen Konfessionen unterschiedlich gewichtet. Im Kapitel drei wird denn auch das gemeinsame ökumenische Suchen und Ringen der beiden Autoren besonders spürbar. Es wird deutlich, wie die beiden Konfessionen sich gegenseitig brauchen und ergänzen können. Beispielsweise schützt die eher reformierte Bilderskepsis vor magischem Bilderkult und hält die Unendlichkeit und Andersartigkeit Gottes offen gegenüber allen Versuchen, sie in einem Bild festzulegen. Das eher katholische Symbolverständnis akzentuiert den Verweischarakter der Bilder auf die religiösen Dimensionen und ihre Zugänglichkeit im Unterschied zu einem rein abstrakten Glauben. Für die zeitgenössischen Menschen sind es jedoch eher Kunstbilder, die sie ansprechen. Aus der Kunstgeschichte gibt es zahlreiche Werke, die religiöse Themen darstellen. Zeitgenössische Künstler wählen oft implizite Formen, die nicht offensichtlich religiös sind. «Erst im Auge des Betrachters wird die Kunst zu dem, was religiöse Kunst ausmacht: ihre Transparenz für Transzendenz.» (Seite 96). Wie in ihrem gesamten Buch versuchen die Autoren auch hier nachzuzeichnen, wie aus einem ästhetischen Erlebnis eine spirituelle Erfahrung werden kann.

 

Die Kapitel- und Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch.

GOTT ERFAHREN HEUTE cover

Franz Eckert & Hans Alfred Stricker

Gott erfahren heute 

Entdeckungsreisen mitten ins Leben 

Rex Verlag, Luzern 2017, 300 Seiten

ISBN 978-3-7252-1006-0