Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Das Heilige Experiment

Stadttheater Solothurn

Das Heilige Experiment

Von Fritz Hochwälder, 

inszeniert von Katharina Rupp

Premiere: 2. September 2017, 19 Uhr

Weitere Aufführungen von September bis November im Stadttheater Solothurn sowie im Stadttheater Biel.

 

von Kuno Schmid

Das Stadttheater Solothurn spielt ab September das Drama «Das Heilige Experiment» von Fritz Hochwälder. Das Stück thematisiert den gewaltsamen Abbruch des Missionsprojekts des Jesuitenordens 1767 durch die Kolonialmächte Portugal und Spanien. Die Jesuiten hatten im Gebiet des heutigen Paraguay gemeinsam mit den Indianerstämmen florierende Missionsdörfer, sogenannte «Reduktionen», aufgebaut.  

«Mission» im Kino 
1986, einige Jahre vor den 500-Jahr-Feiern zur sogenannten Entdeckung Amerikas, ist der Oscar- und Cannes-prämierte Film «Mission» in die Kinos gekommen und hat die Diskussion um Kolonialisierung und Missionierung einer ganzen Generation geprägt. Die hässliche Seite der Eroberung des Kontinents und die zwiespältige Rolle der Kirche rückte in den Blickpunkt. Während sich im Film die kirchliche Obrigkeit hinter die kolonialen Eroberer aus Portugal und Spanien stellt, stehen die jesuitischen Missionare auf der Seite der indianischen Bevölkerung, die sie für den Glauben gewonnen und als christliche Gemeinschaften aufgebaut haben. Die Jesuiten verteidigen die Würde und die Rechte der einheimischen Menschen. Die einen wollen ihre christlichen Ideale gegenüber den Eroberern mit Waffengewalt verteidigen, die anderen durch eine gewaltfreie Prozession und die Macht des Gebets. Beide werden Opfer der grausamen Massaker durch die Kolonialmächte. Das Drehbuch des Films basiert auf dem Theaterstück von Franz Hochwälder. 

Fragen zu «Mission und Missionierung»
Die Rolle des Christentums und der kirchlichen Missionierung wurde in der Folge kritisch diskutiert. Vermehrt wurde radikal gefragt, ob die christliche Missionsarbeit überhaupt noch legitim sei. Denn der weltweite Sendungsauftrag der Kirche zur Verkündigung der Frohen Botschaft diente zu oft als Legitimation für die gewaltsame Eroberung fremder Länder und die brutale Unterwerfung der dort lebenden Völker. Die Missionierung verlief meist entlang der Blutspur von Ausbeutung und gewaltsamer Bekehrung. Gleichzeitig bemühte sich manche kirchliche Missionsarbeit aber auch, die Ureinwohner in den eroberten Gebieten für den christlichen Glauben zu gewinnen und sie gegenüber den kolonialen Unterdrückern zu verteidigen. Gerade das Beispiel der jesuitischen Dörfer in Südamerika zeigte, dass Christen auch auf der Seite der indianischen Bevölkerung standen. Die Aufbauarbeit der Ordensleute im 17. und 18. Jahrhundert wurde als Beispiel genommen für ein neu verstandenes Engagement der Christen zugunsten der Rechte der Armen im Rahmen von Basisgemeinden und Entwicklungsprojekten. 

Bartolomé de las Casas gegen die Versklavung der Indianer
Frühe Kritiker der Eroberung, wie der Dominikaner Bartolomé de las Casas (1484 – 1566), schafften es aufgrund der Diskussion gar bis in katholische Religionsbücher (z. B. Hubertus Halbfas, Religionsbuch 7. Klasse, 1990). Bartolomé setzte sich dafür ein, dass auch die sogenannten «Indianer» Menschen mit einer Seele seien und deshalb offen sind für die frohe Botschaft. Er forderte Schutz und Rechte für die Indianer und widerlegte die antike These, dass Gott bestimmte Völker als «Sklaven von Natur» her geschaffen habe. Dieser Sicht widersetzten sich die Kolonialherren, welche die «Wilden» ohne gesetzliche Schranken unterwerfen und ausbeuten wollten. Der Streit setzte sich mit wechselnden Argumenten über die Jahrhunderte fort und zeigt sich bis in die Gegenwart in verschiedenen Formen von Rassismus und Diskriminierung.  

Die jesuitischen Reduktionen
Die Jesuiten und andere Ordensgemeinschaften im damaligen Amerika knüpften an Bartolomé de las Casas an. Damit die indigenen Völker wirklich gleichberechtigt wurden, wollten die Jesuiten sie an die «Kultur» nach europäischem Verständnis heranführen. Sie holten sie aus den Wäldern heraus und lehrten sie ein Leben in Dörfern. Sie bauten Kirchen und Schulen, lernten die Einheimischen lesen und schreiben und übersetzten die Bibel und andere europäische Schriften in ihre Sprachen. Sie organisierten Landwirtschaft und Handwerk für die örtliche Versorgung und den Handel. Insgesamt bemühten sich die Ordensleute um einen friedlichen Prozess der Christianisierung und integrierten manche lokale Traditionen in das Kirchenjahr. Die Dorfbewohner lernten beispielsweise Instrumente bauen und europäische barocke Musik spielen. Sie verbanden diese bald mit eigenen Melodien und Rhythmen und schufen eine eigene Tradition sakraler Musik. So entstanden ab 1609 die «Reduktionen» (Spanisch reducción, «Siedlung, Niederlassung») als blühende selbstverwaltete Gemeinschaften unter der strengen geistlichen und weltlichen Leitung der Jesuitenpatres. Im 18. Jahrhundert lebten über 200 000 Bewohner indigener Herkunft in den Jesuitenmissionen. Sie bildeten eigene bewaffnete Milizen, um sich gegen Sklavenjäger und Übergriffe der Einwanderer aus Europa zu verteidigen und waren eine gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Macht geworden.

Das Ende des heiligen Experiments
Trotz anfänglicher Duldung und Unterstützung durch die spanische Krone, waren die Reduktionen der kolonialen Verwaltung ein Dorn im Auge. Nach wie vor wollten die Kolonialherren die Gleichberechtigung der indigenen Bevölkerung nicht anerkennen und betrieben Sklavenjagd in Amerika und Afrika. Sie lehnten deshalb das kooperative Konzept der Jesuiten in den Missionsdörfern als anti-kolonial ab. Sie kritisierten zudem, dass die Reduktionen zu Staaten im Staat geworden seien, die Strukturen und Ordnungen unabhängig von den kolonialen Behörden schufen. Deshalb seien diese «Jesuitenstaaten» aufzulösen. Kirchenvertreter äusserten den Verdacht, dass die jesuitischen Reduktionen die kirchliche Lehre zu sehr den einheimischen Traditionen angepasst hätten. Der langjährige Konflikt führte schliesslich dazu, dass die staatlichen und kirchlichen Behörden 1767 anordneten, dass die Jesuiten Amerika verlassen mussten. Die Reduktionen wurden von den Kolonialtruppen erobert und erlebten rasch einen wirtschaftlichen Niedergang. Zahlreiche Spuren haben sich jedoch in Musik, Architektur und Bildung bis heute erhalten. Mehrere Kirchen und Reduktionen-Einrichtungen wurden ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.  

Die Jesuiten und das Stadttheater Solothurn
Die «Jesuitenstaaten» in Südamerika wurden oft zitiert, um gegen die kritischen Positionen und Einflüsse der Jesuiten in Kirche und Staaten zu polemisieren. Fünf Jahre nach der Ausweisung aus Amerika wurde 1772 der Jesuitenorden durch Papst Clemens XIV weltweit aufgelöst. Auch in Solothurn wurde aus dem Jesuitengymnasium die spätere Kantonsschule und aus dem Jesuitentheater das noch heute bestehende Stadttheater. Mit der Aufführung des Dramas «Das heilige Experiment» beschäftigt sich das Stadttheater auch ein Stück weit mit seiner eigenen Geschichte. Bereits 1943 fand die Uraufführung des Werkes von Fritz Hochwälder (1911–1986), einem jüdischen Flüchtling, im Stadttheater Solothurn statt. Auf dem zeitgenössischen Hintergrund von Nationalsozialismus und Judenverfolgung stellt Fritz Hochwälder die Frage: Sollen die Jesuiten der Anordnung der staatlichen und kirchlichen Obrigkeit Gehorsam leistenund die indigene Bevölkerung schutzlos den Kolonialmächten ausliefern, oder sollen sie Widerstand leisten zugunsten von Freiheit und Gerechtigkeit? Diese Frage nach dem Umgang mit und den Grenzen von Gehorsam und Loyalität stellte und stellt sich manchen bis heute in unzähligen grossen und kleineren Konflikten – politischen, kirchlichen, betrieblichen, persönlichen.   

 

Quelle: Reduktionen, herausgegeben von der Stiftung «Jesuiten weltweit», Zürich 2017.