Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Erinnern

Im Roman «Ein langer blauer Montag» des Solothurner Autors Erhard von Büren wird der Ich-Erzähler durch die Betrachtung von Weizenfeldern immer wieder mit Erinnerungen an seine erste Liebe, mit Erinnerungen seines Lebens verstrickt. Er fragt sich: Warum diese Erinnerungen? Welchen Sinn macht das jetzt? «Es lag eine Botschaft darin, schattenhaft nahm ich etwas davon wahr.» Erinnerungen vergegenwärtigen längst vergangene Ereignisse. Erinnerungen lassen Menschen, Geschichten, Orte und Bilder vor unseren inneren Augen wieder lebendig werden. Es entstehen Beziehungen von heute zu gestern, von jetzt zu damals. In der Verknüpfung dieser Erinnerungen erzählen wir uns die eigene Lebensgeschichte, konstruieren wir unsere Identität. Für den Ich-Erzähler werden die Weizenfelder zu einer Art Lebensfaden, der die unterschiedlichen Episoden zusammenführt, sie im Rückblick sinnvoll erscheinen lässt – oder doch so, dass sie ein wenig Vergnügen bereiten. Er staunt, dass er diese Felder als Jugendlicher in seinem Entwurf für ein Theaterstück «… Teppich mit feinstem Flor, ausgerollt vor dem Thron eines namenlosen Gottes …» genannt hat. 

Solche Erinnerungen führen manche an religiöse Dimensionen, nicht nur im persönlichen Leben. Gemeinschaftliche Gedenkfeiern, die an Verstorbene oder an vergangene Ereignisse erinnern, haben oft Ähnlichkeiten mit religiösen Feiern. So erinnerten diesen Sommer die früheren Kriegsgegner in einer gemeinsamen Feier der blutigen Flandernschlacht in Ypern (B). Hundertausende sind allein hier vor hundert Jahren im ersten Weltkrieg gefallen. Die Vertretungen der Königshäuser und der Regierungen aus Belgien, Grossbritannien und Deutschland konnten Leid und Tod nicht ungeschehen machen, aber das gemeinsame Erinnern machte die Sinnlosigkeit der Kriege erneut bewusst, und die vielen toten Soldaten sollen nicht in Vergessenheit geraten. Erinnerung gegen das Vergessen, das gilt auch für die Indios und andere Opfer der Kolonialisierung, die Opfer der wirtschaftlichen Ausbeutung, die Opfer von rassistischer Verfolgung und ebenso für Menschen im eigenen Lebensumfeld. Die kollektive Erinnerung, das gemeinsame Erzählen der erlebten Geschichten ist die Basis für eine neue versöhnte Zukunft.  

Ich wünsche Ihnen schöne Spätsommerabende mit Zeit für persönliche oder gemeinsame Erinnerungen.

Kuno Schmid