Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Herrlich und dämlich

In den Medien wird zurzeit die Renaissance thematisiert, nicht zuletzt, um den geschichtlichen Nährboden zu verstehen, auf dem die Reformation entstanden ist (vgl. Sternstunde SRF1). Diese Kulturepoche des 15./16. Jahrhunderts ist geprägt von einem neuen Interesse für die Antike und der Hinwendung zum Menschen. Sie ist auch die Geburtsstunde der modernen Naturwissenschaft. Der Mensch versteht sich als Subjekt, das der Natur gegenübersteht, sie beobachtet, versteht, beherrscht und in der Folge auch ausbeutet und zerstört. Die als Schöpfung verstandene Welt wird entzaubert. Nach damaligem Verständnis gehören auch die Frauen zur Natur, genauso wie die «Wilden» in den neu eroberten Kontinenten. Nur weisse Männer sind die eigentlichen Kulturmenschen. Das hinterlässt Spuren bis heute. Nebst all den vielen Errungenschaften schlagen wird uns immer noch mit drei Folgeproblemen herum: Dem Umgang mit der natürlichen Umwelt, der Überwindung der Benachteiligung der ehemaligen Kolonien und der Gleichstellung der Frauen. 

Der seit der Antike angelegte Gegensatz zwischen Körper und Geist wird den Geschlechtern zugeordnet. Das Weibliche wird mit der niedrigen körperlichen und materiellen Welt gleichgesetzt, geprägt vom natürlichen Zyklus, vom Gebären und Ernähren. Dem Mann wird Geistigkeit, Verstand und Autonomie zugeschrieben. «Dämlich» versus «herrlich» macht die Wertung in der Sprache deutlich. Mit solchen Zuschreibungen werden gesellschaftliche Rollen begründet und die Unterordnung der Frauen legitimiert. Im Unterschied zu biologischen Merkmalen beschreibt die Fachwelt heute solche Zuschreibungen und Bewertungen als Gender-Aspekte. Es gilt, diese sozial und kulturell bedingten Aspekte bei beiden Geschlechtern zu benennen und auch zu hinterfragen. Bezüglich der kritischen Gender-Reflexion sind auch den Christinnen und Christen und der Kirche noch grosse Aufgaben gestellt. Maria Magdalena ist da nur ein prominentes Beispiel. Sie ist durch Papst Franziskus nach ihrer Zurücksetzung wieder als «Apostola apostolorum» rehabilitiert worden (vgl. Seite 4). 

Ich wünsche Ihnen den Mut, Mannsein und Frausein auch neu und anders zu denken.

 

Kuno Schmid