Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Maria Magdalena

von Stephan Kaisser

Es gibt nur eine Frau in den Evangelien, die über die Jahrhunderte fast genauso viel Interesse geweckt hat wie Maria, die Mutter Jesu: Maria Magdalena! Was wurde schon alles spekuliert: erotische Sünderin, Ehefrau Jesu oder gar Mutter eines Kindes Jesu – wie bei Dan Brown zu lesen.

Was wir aus der Bibel wissen
Sie kommt in allen vier Evangelien vor und wird jeweils Maria aus Magdala genannt. Magdala ist aramäisch für das hebräische Migdal (Turm), einem Ort am Westufer des Sees Genezareth. Markus erzählt, dass Jesus sieben Dämonen aus ihr vertrieben hat Mk  16,9. Die Dämonenaustreibungen können wir als Heilungswunder sehen, unerklärbare Krankheiten wurden damals durch Besessenheit erklärt. Sieben ist die Zahl der Fülle, sie muss wohl besonders stark und auffällig krank gewesen sein. Nach dieser Heilung folgte sie Jesus nach. Sie wird neunmal als erste einer Frauengruppe im Gefolge Jesu erwähnt. Es wird berichtet, dass diese Frauen Jesus und die Jünger mit ihrem Besitz unterstützen Lk  8,2 – 3. Daraus können wir schliessen, dass sie zu Hause keine Verpflichtungen, keine Familie und etwas Vermögen hatte.In der Gefolgschaft Jesu zeichnet sie sich durch eine besondere Treue und Verbundenheit aus. Sie flieht nach der Gefangennahme Jesu nicht, sondern steht unter dem Kreuz Mk  15,40, ist bei der Grablegung dabei und ist erste Zeugin der Auferstehung Mk 16.9.
Sie berichtet den Jüngern im Auftrag Jesu von seiner Auferstehung ist also «Apostolin der Apostel»!

Maria oder Petrus
Allerdings erwähnt Paulus, dass Petrus der erste Zeuge der Auferstehung sei. 1 Kor 15,4. So mag in der frühen Kirche ein Streit geherrscht haben, wem der auferstandene Christus zuerst erschienen sei, Maria von Magdala oder Petrus. Zwei späte und nicht in den Kanon der Bibel aufgenommene Evangelien betonen so auch die besondere Stellung Marias. Das Marienevangelium –etwa um 160 n. Chr. entstanden – stellt sie aufgrund der besonderen Offenbarungen, die sie empfing, über die Apostel. Das Philippusevangelium, eine Schrift aus dem 2. oder 3. Jahrhundert in Nag Hamadi gefunden, schreibt: «Es waren drei, die allezeit mit dem Herrn wandelten: Maria, seine Mutter, und ihre Schwester und Magdalene, die man seine Gefährtin nennt.». Daneben existiert ein Fragment (evtl. aus dem 2. Jahrhundert, was von Fachleuten angezweifelt wird), das den einzigen schriftlichen Nachweis bildet, dass einige frühe Christen dachten, dass Jesus verheiratet war: «Jesus sagte zu ihnen, meine Frau». Und dann versichert Jesus, dass Maria würdig sei, Jünger zu sein. 

Der Abstieg der Maria
Offensichtlich hatte Maria Magdalena in der frühen Kirche einen hohen Stellenwert. Zumindest aber in der westlichen Kirche wurde Maria später abgewertet. Sie wurde immer mehr zur Sünderin und mit der Frau gleichgesetzt, die Jesus die Füsse salbte und die als Prostituierte gesehen wird. 
«Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäss voll wohlriechendem Öl und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie und ihre Tränen fielen auf seine Füsse. Sie trocknete seine Füsse mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl.» Lk  7,37 – 38. 
So heisst es bei Papst Gregor dem Grossen († 604) in seinen Predigten über die Evangelien: 
«Die aber, welche Lukas eine sündige Frau, Johannes aber Maria nennt, halten wir für jene Maria, von welcher Markus versichert, dass ihr sieben Dämonen ausgetrieben wurden. Und was wird mit diesen sieben Dämonen bezeichnet, wenn nicht sämtliche Laster? … Es ist klar, Brüder, dass die Frau, die früher auf unmoralische Taten ausgerichtet war, das Salböl für den Duft ihres Fleisches selbst verwendete. Was sie also schändlich für sich verwendet hatte, das brachte sie jetzt Gott.»
Solch eine Deutung und Gleichsetzung der Maria Magdalena mit einer sexuell sündigen Frau hat die Männerfantasien zu allen Zeiten angeregt und zeigt sich auch in der Malerei, z. B in diesem Bild von Tizian.
Dieser Abstieg in der westlichen Kirche hat wahrscheinlich mit den patriarchalisch-hierarchischen Strukturen zu tun. In der griechisch-orthodoxen Kirche dagegen wird Maria Magdalena als Apostelin gesehen und bis heute hoch geachtet. Am 22. Juli feiert sie das Fest der «apostelgleichen  Maria von Magdala».

Vergangenes Jahr am 3. Juni 2016 gab es eine wichtige Kehrtwende im Verhältnis der katholischen Kirche zu Maria. Papst Franziskus hat mit seinem Dekret «Apostola Apostolorum» angeordnet, Maria aus Magdala im Heiligenkalender den Aposteln gleichzustellen. Ihr «Gedenktag» (22. Juli) wurde in den Rang eines Festes erhoben. Hier wird damit ernst gemacht, dass die zentrale christliche Botschaft, der Auferstehung Jesu Christi, zuallererst Frauen geoffenbart und zuallererst von Frauen weitergesagt wurde. Ohne die Frauen am Anfang gäbe es keine Kirche. Es wäre nur logisch, wenn sich dies auch heute in der Stellung der Frau in der Kirche ausdrücken würde. 

Maria Magdalena hat die Auferstehung erlebt, am eigenen Leib, indem sie von Jesus geheilt wurde, und so konnte sie zur ersten Zeugin der Auferstehung Jesu zum ewigen Leben werden. Wenn wir sie als Vertraute Jesu, als Zeugin der Auferstehung und als Führungspersönlichkeit der frühen Kirche ernst nehmen, kann sie uns Vorbild und damit Apostelin zum erfüllten Leben werden.  

 

Maria Magdalena nach der Legende Aurea 13. Jahrhundert

Eine weitere Tradition setzt Maria Magdalena mit Maria, der Schwester von Martha und Lazarus gleich. Diese Tradition wird in Südfrankreich gepflegt, wo alle drei als Heilige verehrt werden. Maria Magdalena fährt zusammen mit ihren Geschwistern Martha und Lazarus über das Mittelmeer nach Marseille. Nach einer anderen Legende landet das Schiff zusammen mit Maria Salome Mutter des Jakobus und der schwarzen Sara in Les-Saintes-Maries-de-la-Mer. 

Das Volk in Marseille ist begeistert von ihrer Predigt und ihrer Schönheit. Sie zieht weiter nach Aix-en-Provence und lebt dort 30 Jahre lang in einer einsamen Höhle, in der sie allein von der himmlischen Speise lebt. Ihr Gebet ist jeweils wie eine Himmelfahrt, bei der sie die Engel singen hört. (Die Grotte der Maria Magdalena in St. Baume ist bis heute ein Wallfahrtsort.)

Nach ihrem Tod wurde sie in Aix-en-Provence begraben und im 9. Jahrhundert wurden ihre Reliquien nach Vezélay überführt. Bis heute gibt es dort die Kathedrale St.  Madeleine. Ihre Reliquien werden aber auch in der Krypta von Sainte-Maximin-la-Sainte-Baume verehrt.

 

Stephan Kaisser, geboren 1963 im badenwürttembergischen Bad Waldsee, studierte in München und Bochum Theologie und Philosophie. Der Vater dreier erwachsener Töchter ist Diakon und arbeitet als Lehrer an der Kantonsschule Solothurn.