Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Bettag

Den gemeinsam begangenen Bettag der reformierten und katholischen Kantone gibt es schon seit über 200 Jahren. In politisch unsicheren Zeiten riefen die Regierungen der eidgenössischen Orte zum gemeinsamen Gebet auf. Die christlichen Kirchen und die jüdischen Gemeinden beteiligten sich schon damals. Gebetet wurde zwar nicht gemeinsam, aber gleichzeitig am festgelegten Sonntag, jede Konfession für sich. Gemeinsame Gebete im Sinne der Ökumene wurden erst im 20. Jahrhundert möglich. Der staatlich angeordnete Feiertag sollte die Zusammengehörigkeit der bürgerkriegsgeplagten Eidgenossenschaft stärken. Er war Zeichen und Instrument für ein Land, das ein friedliches Zusammenleben mühsam lernen musste, ein Land mit unterschiedlichen Konfessionen und Sprachen, mit Gegensätzen zwischen Stadt und Land, zwischen Liberalen und Konservativen, zwischen Armen und Reichen. Über Generationen wurden das Miteinander ausgehandelt, Gemeinsamkeiten bestimmt und Grenzen gezogen. Zunehmend entstand eine gemeinsame «Heimat». 

Und dieser Prozess dauert immer noch an. Es sind neue Spannungsfelder hinzugekommen zwischen Einheimischen und Zugezogenen, zwischen Gläubigen und Säkularen, zwischen national und global Denkenden usw. Um die Zusammengehörigkeit muss heute genauso gerungen werden wie früher. Deshalb richtet sich der staatlich angeordnete Bettag an alle Menschen und folgt nicht der Sprache und Agenda nur einer Religionsgemeinschaft. Er ist eine Einladung des Staates insbesondere an die Religionsgemeinschaften und weltanschaulichen Bewegungen, sich kritisch einzubringen und sich für das Gemeinwohl in diesem Land und der ganzen Welt einzusetzen. Die christlichen Kirchen haben gelernt, dafür in ökumenischem Geist einzustehen. Die traditionellen Feiern in der Bruder-Klaus-Kapelle auf dem Weissenstein und in vielen Gemeinden sind Beispiele dafür. Es bleibt die Aufgabe, dieses gemeinsame Engagement über die christlichen Konfessionen hinauszutragen und in interkultureller Weise über die Grundlagen des Zusammenlebens nachzudenken und darum zu streiten. So kann der Bettag auch heute Instrument und Zeichen für Zusammengehörigkeit und Heimat sein. 

Ich wünsche Ihnen über den Bettag hinaus Beheimatung in einem vielfältigen Heimatland.

 

Kuno Schmid