Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

HEIMAT

von Kuno Schmid

Was ist Heimat – ein Ort oder ein Gefühl, eine Nation oder eine Kindheitserinnerung? Und welche Heimat wollen wir? Mit solchen Fragen setzt sich die Ausstellung «Heimat. Eine Grenzerfahrung» des Stapferhauses Lenzburg auseinander. Dieser komplexen Heimat will ich mich entlang einiger Stichworte annähern, stammelnd im Wechsel von Gedanken und Eindrücken.

Chilbi
Im Zentrum der Ausstellung steht ein Riesenrad, das an die Chilbi erinnert. Das Kirchweihfest stammt aus einer Zeit, als die Kirche noch die Mitte der gesamten Lebensgemeinschaft gebildet hat. Gleichzeitig ist die Chilbi eine Tradition, die sich mit den Menschen zu immer neuen Formen und Horizonten verändert hat. Heute treffen sich hier Jung und Alt, Einheimische und Zugewanderte, Patriotinnen und Kosmopolitinnen. Es gibt hier die vertraute Bratwurst und das Karussell neben dem Kebab-Stand und der neuesten technischen Abenteuerbahn. In zwölf solchen schillernden Chilbiwelten haben die Autorinnen und Autoren der Ausstellung über tausend Menschen befragt, was für sie Heimat bedeutet.

An der Ausstellung werden mir vielfältige Antworten von Menschen zum Thema Heimat medial vorgestellt, aber auch statistische Auswertungen: Für wie viele ist «Heimat» ein Ort, oder eine Gruppe, oder ein Gefühl? Eine Fahrt auf dem Riesenrad gehört mit zum Ausstellungsprogramm. Das Auf und Ab gewährt immer wieder einen anderen Blick auf Lenzburg und sensibilisiert mich zu vielfältigem Perspektivenwechsel.

Beziehung
Viele machen Heimat nicht an Ländern oder Orten fest, sondern an Menschen, an Begegnungen, an Beziehungen. Wenn wir Fremden begegnen, sie kennenlernen, uns mit ihnen verständigen können, fallen Grenzen und entstehen neue Gemeinsamkeiten. Die gelingenden Beziehungen in Freundschaft, Ehe oder Familie geben ein starkes Heimatgefühl. Über 70 Prozent der Befragten verbinden «Heimat» mit ihrer Familie. 

Die Fahrt auf dem Riesenrad ermöglicht interessante Begegnungen. Ich war mit einer jungen Französin aus Nancy unterwegs, die in einem Austauschjahr die Schweiz kennenlernen möchte. Im Wechsel der Sprachen tauschten wir in der kurzen Zeit aus, welche Eindrücke sie von der Schweiz gewonnen hat und wo ich schon in Frankreich war. 

Sehnsucht  
Heimat ist das Gefühl, mit sich und der Welt im Einklang zu sein. Aber es ist so wie mit dem Glück: Man kann dieses Heimatgefühl nicht richtig festhalten. Es stellt sich da ein, wo wir angenommen und verstanden werden. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach Geborgenheit, wie wir sie in der ersten Heimat, dem Mutterleib erfahren haben. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach der vollkommenen Einheit mit Gott, die alles Irdische übersteigt.  

Unsicherheit
Das Wort «unheimlich» meint das Gegenteil von Heimat. Unheimlich erscheint uns all das, was Angst macht, was unsere Heimat bedroht. Landschaftszerstörung, fremde Kulturen, Technologisierung, Nationalismus, Terrorismus … Es entsteht das Bedürfnis nach Grenzen aller Art, um die Heimat gegen die unheimlichen Kräfte und Entwicklungen zu schützen. Von der Heimat erwarten wir, dass sie Sicherheit gibt. 

Die beiden Stichworte «Sehnsucht» und «Unsicherheit» begegnen mir gleich zu Beginn der Ausstellung mit einem grossen Kontrast. Da ist zuerst die sphärische Musik, die Bilder von Harmonie und Paradies. Dann wird man in die Dunkelheit, in den Lärm, in die Pro­bleme der Welt geführt – eine Art Geisterbahn. Ich frage mich, ob «Heimat» eine Art Flucht vor diesen Herausforderungen bedeutet?    

Identität
Der Ort, an dem wir aufgewachsen sind, sagt auch etwas über uns selbst aus. Wir sind Welschenrohrer, Wolfwilerinnen, Wasserämter, Grenchnerinnen. Erste Erfahrungen und Lebensbezüge haben unsere Einstellungen geprägt, aber vielleicht auch der Wechsel von Bezugsorten, die Vergänglichkeit von Freundschaften. Heimat ist für manche ein besonderer, ein einsamer Ort. Für andere sind es Orte der intensiven Nähe, des Austauschs, der Entwicklung. Heimatsuche ist immer auch Identitätssuche. 

Fast wie in einem Psychotest muss ich Fragen über meine Herkunft und meine Vorstellungen beantworten. Sie begleiten mich durch die Ausstellung. Am Schluss erhalte ich meinen persönlichen Heimatschein. Er zeigt mir mein In-der-Welt-sein zwischen den Polen Nähe und Distanz sowie zwischen Dauer und Wandel. Sind das die Dimensionen der Heimat?

Geschichten
Menschen können oft nicht sagen, was für sie Heimat bedeutet. Aber sie können Geschichten erzählen mit Erlebnissen, mit Bildern, mit Erinnerungen, die sie mit Heimat verbinden. Oft sind es Gegenstände, Düfte, Musik, die einen Bezug zu Heimat schaffen. Die Geschichten sind ganz unterschiedlich. Von Heimat erzählen Migrantinnen und Migranten anders als eine junge Familie, die das Elternhaus übernommen hat, oder Jugendliche, die von einem Auslandaufenthalt zurückkommen.

Innerhalb des Ausstellungsraums konnte ich mich abwechselnd in eines der sieben Häuschen setzen und da der Heimatgeschichte eines Menschen begegnen: Ursina aus Tenna (GR), Marcus, der digitale Nomade, Ali, geflohen aus Eritrea … Die Erzählungen wecken auch in mir Erinnerungen und Bilder – Lebensgeschichten.

Kosmos
Kosmos bedeutet Ordnung, Weltordnung. Der Mensch wird geboren in eine Familie, in eine Gegend, in eine schon geordnete Welt, die er sich nicht ausgesucht hat. Sprache, Orientierung, Verhalten, diese ganze kleine Weltordnung muss er sich aneignen. Heimat wird zu einer Art Mikrokosmos in unserem Gehirn, geprägt durch unsere Persönlichkeit und unsere Erfahrungen. Gleichzeitig sind wir Teil des unendlichen Kosmos, dessen Grenzen wir nicht kennen und dessen Ordnung uns staunen lässt. 

Das Spannungsfeld zwischen den Weiten des Weltalls und dem komplexen Gehirn als Kosmos in mir selber habe ich so noch nie betrachtet. Die Polarität zwischen mir und der komplexen Welt gibt mir ein Gefühl von Verlorenheit und gleichzeitig von Einzigartigkeit. Es weckt die Fragen nach der Ordnung, nach dem Sinn dahinter, nach dem Glauben.   

Schweizer Pass
Das Heimatland im Sinne der Nation regelt, wer wo welche Rechte hat, bietet Schutz und Freiheit – und schafft Grenzen gegenüber den anderen. Hier gelten geschriebene und ungeschriebene Regeln, die immer wieder neu verhandelt werden müssen. Erst seit gut hundert Jahren gibt es den einheitlichen Schweizer Pass für alle einheimischen Bürgerinnen und Bürger. Was macht diese Heimat aus? Die Art der Begrüssung? Rösti- oder Spaghetti-Essen? Das Christentum?

Der Versuch, den typischen Schweizer, die typische Schweizerin auszumachen, war recht unterhaltsam, machte mir aber auch die zahlreichen Klischees bewusst, mit denen wir die Menschen einteilen. Der Blick in die Geschichte relativiert so manche aktuell umstrittene Frage und hilft mir, weniger auf die Grenzen und vermehrt auf die Menschen zu achten.  

 

 

«HEIMAT. Eine Grenzerfahrung».
Eine Ausstellung des Stapferhauses im Zeughaus Lenzburg, bis 25. März 2018.
www.stapferhaus.ch