Aktuelle Nummer 26 | 2017
10. Dezember 2017 bis 23. Dezember 2017

Schwerpunkt

Nominis Jesu – ein Kloster im Wandel

von Reto Stampfli

Seit über 400 Jahren wird im Kloster Namen Jesu das monastische Leben gepflegt. In den vergangenen 50 Jahren hat jedoch die Zahl der Schwestern ständig abgenommen. Ein Verein will die letzte Generation unterstützen.

Es ist vermutlich einer der lauschigsten Plätze in ganz Solothurn, doch kaum jemand kennt ihn: der weitläufige Klosterbezirk des Kapuzinerinnen-Klosters Namen Jesu. Jahrhundertelang lebte und arbeitete hier eine zurückgezogene Gemeinschaft, deren Umgang mit der Aussenwelt sich auf das Nötigste beschränkte. Erst in den vergangenen Jahrzehnten – stark beeinflusst durch die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils – haben sich die verriegelten Pforten ein grosses Stück geöffnet. Der Alltag der Schwestern wurde dadurch um einiges annehmlicher: Matratzen ersetzten die archaischen Strohsäcke, die Mitternachtsmette wurde abgeschafft, die grobe Kutte wurde durch einen feineren Stoff abgelöst und der Austausch mit der Welt jenseits der Mauern vereinfacht.   

Ora et labora
Mitten im Solothurner Steingrubenquartier liegt das Kloster Namen Jesu, das viele nur von aussen kennen oder vom Gottesdienstbesuch in der Klosterkirche. Der verwinkelte Gebäudetrakt wird durch einen eindrücklichen Umschwung ergänzt, mit einem Klostergarten, der seinesgleichen sucht und noch immer grösstenteils von den Schwestern bewirtschaftet wird. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war das dazugehörige Landwirtschaftsland noch um ein wesentliches Stück grösser, nämlich um jene Parzelle, auf der heute der Neubau der Kantonsschule steht. Was in der Blütezeit des Klosters für eine 40- bis 50-köpfige Gemeinschaft angemessen war, stellt in der heutigen Zeit jedoch ein massives Problem beim Unterhalt dar. Schlägt man das 2009 erschienene Jubiläumsbuch zum 400-jährigen Bestehen des Klosters auf, dann wird man auf den ersten Seiten von 15 lachenden Kapuzinerinnen begrüsst. Die damals schon nicht mehr sehr grosse Gruppe ist mittlerweile auf acht noch im Kloster wohnhafte Schwestern geschrumpft. Im Vergleich dazu lebten in den 1970er-Jahren noch 38 Frauen im Kloster Nominis Jesu und konnten den Betrieb problemlos aufrechterhalten. Heute geht das nur noch dank fremder Hilfe.   

Eine bewegte Geschichte
Das ursprüngliche Ziel bei der Klostergründung war der Anspruch, die bereits in Solothurn anwesenden Beginen – eine religiöse Frauenwohngemeinschaft mit wenig Regeln – zu reformieren und sie in eine strenge Klausur zu überführen, was jedoch nur teilweise gelang. Im Jahr 1616, nach nur acht Monaten Bauzeit, entstand der Kern des heutigen Klostergebäudes samt Kreuzgarten. Zwei Jahre später konnten die ersten Nonnen ihre Zellen beziehen. 40 Jahre später entstand ein weiterer Anbau, in dem auch Zimmer für «Kosttöchterlein» eingerichtet wurden, Mädchen, die von wohlhabenden Familien den Schwestern zur Schulung und Erziehung anvertraut wurden. Nicht selten trat eine dieser Heranwachsenden später selber ins Kloster ein. In den folgenden Jahrzehnten erlebte die klösterliche Gemeinschaft Höhen und Tiefen. Ein absoluter Tiefpunkt bahnte sich in der Karwoche 1799 an, als die Schwestern den Befehl erhielten, ihr Kloster binnen 24 Stunden zu verlassen. Im Zuge der französischen Besetzung der Schweiz wurde im Kloster ein Militärspital eingerichtet. Die Vertriebenen fanden Zuflucht in der Nachbarschaft im Kloster Visitation. Nach der Rückkehr wurde den Schwestern schnell bewusst, dass eine gegen aussen erkennbare soziale Funktion ihre Existenzberechtigung untermauern würde. So wurde eine Schule für arme Mädchen eingerichtet, in der 60 bis 70 Mädchen Lesen, Schreiben, Rechnen, Nähen und Stricken lernen konnten. 

Im 19. Jahrhundert erlebte das Kloster eine progressivere Praxis bei den Aufnahmen, jedoch auch die Wirren des Kulturkampfes, in der das Kloster zu einer psychiatrischen Klinik umfunktioniert werden sollte, und einen Grossbrand. Im 20. Jahrhundert spielte die Naturmittel-Herstellung eine wichtige Rolle, das karitative Engagement sowie die Hostienbäckerei, die bis auf den heutigen Tag die Haupteinnahmequelle ist.

Klosterleben im 21. Jahrhundert
Das Klosterleben ist in der heutigen Zeit durchaus gefragt. Allerdings nur auf Zeit. Als Rückzug in die Stille. Ein Kurzurlaub in eine Welt, die im Ruhepuls verläuft. Es gibt in ganz Europa einen Ansturm auf Klosterurlaub, eine Auszeit im Kloster und dort stattfindende Seminare. Wer durchs Leben hetzt, neidet die Ruhe, das getaktete Leben nach einem festen Rhythmus und festen Ritualen.

Dieser anhaltenden Entwicklung hat man in Solothurn mit der Eröffnung des Klosterhotels «Porta Secunda» im Frühjahr 2017 Rechnung getragen. Ein engagiertes Team um die Betreiberinnen Beatrice Lanz und Michèle Wyss beherbergen Gäste aus der ganzen Welt. Vier Einzel- und zwei Doppelzimmer werden angeboten. Gleichzeitig stehen zwei Seminarräume für Tagungsgäste oder für private Feiern zur Verfügung. Es hat sich noch nicht überall herumgesprochen, doch es gibt wohl kaum eine idyllischere und ruhigere Ferienresidenz im ganzen Mittelland. Mit der Übergabe der Räumlichkeiten an die Porta Secunda GmbH soll die Schwesterngemeinschaft im Alltag und finanziell entlastet werden. Es handelt sich dabei jedoch nicht um ein reines Renditeprojekt, denn im kleinen Dienstleistungsunternehmen sollen Menschen, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden, vorübergehend eine Aufgabe erhalten.  

Was bringt die Zukunft?
Mönche und Nonnen wählen ihren eigenen Weg und geben für ihren Glauben an Gott ihr altes Leben komplett auf. Diese radikale monastische Orientierung erlebt in Europa und Amerika eine augenfällige Krise. Allein in der Schweiz wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Klöster für immer geschlossen. Auch das Kloster Namen Jesu hat als aktive Schwesterngemeinschaft keine Perspektive mehr. Der im Januar 2017 konstituierte erweiterte «Verein Kloster Namen Jesu» soll den Konvent in jenen Belangen unterstützen, die eine sinnvolle Weiterführung des monastischen Lebens ermöglichen. Der Verein umfasst – zusammen mit sämtlichen Schwestern – 16 Mitglieder und engagiert sich in verschiedenen Ressorts. Es ist die erklärte Aufgabe des Vereins, finanziell und logistisch die Weiterexistenz des Klosters in den nächsten Jahren zu garantieren. Damit dem Kloster Namen Jesu nicht dasselbe Schicksal wie dem stillgelegten Kapuzinerkloster in Solothurn droht, wird die Infrastruktur im Auge behalten und auch eine mögliche Weiternutzung diskutiert, frei nach den Worten des Schriftstellers Gottfried Keller: «Lasst uns am Alten so es gut ist halten. Doch auf altem Grund Neues schaffen zu jeder Stund.»

 

Reto Stampfli ist Theologe und Mitglied des Vereins Kloster Namen Jesu.  

Historische Quelle: Leben im Kloster Namen Jesu. Paulus Verlag, Freiburg i. Ue. 2009.