Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Bunt und komplex

Internationale Sportveranstaltungen leben von der Dynamik zwischen Sportlerinnen und Sportlern aus verschiedenen Ländern. Sie messen sich und spielen um den Sieg, meistens weltweit nach denselben Spielregeln. Mit Fahne, Landeshymne und Trikot wird die Identität eines jeden Nationalteams unterstrichen, wie zurzeit bei den Fussball-Qualifikationsspielen für die WM 2018. Wenn man sich die verschiedenen Mannschaften dann etwas genauer anschaut, erkennt man jedoch eine bunte kulturelle Vielfalt unter den Spielern. Alle haben zwar den Pass und das Bürgerrecht des Landes. Aber manche stammen aus Familien mit Migrationshintergrund und haben Vorfahren in Osteuropa, am Mittelmeer oder in Afrika. 

Ein ähnliches Bild zeigt sich in der katholischen Kirche. Beispielsweise in der Liturgie gelten ebenfalls weltweit einheitliche «Spielregeln». Sie werden in den verschiedenen Sprachen und Kulturen unterschiedlich ausgedrückt und zur Anwendung gebracht. Hier in der Schweiz haben ein Drittel aller Mitglieder der katholischen Kirche einen Migrationshintergrund. Für jede «Herkunftsnation» wurde über die Jahre eine eigene Seelsorgeeinheit, eine «Mission» eingerichtet. Aber wie die Nationalmannschaften sind auch die einzelnen Missionen bunter geworden. In die muttersprachlichen Gottesdienste kommen heute Leute mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen, manche sind zweisprachig, haben verschiedene nationale Pässe oder andere Konfessionen. Die einen kommen, weil für sie die Liturgie in der anderen Sprache zugänglicher ist, andere weil sie hier jemanden kennen oder wegen der Tradition. In den Missionen zeigt sich eine bunte Vielfalt, ähnlich wie in manchen Pfarreien und ähnlich wie in den Fussball-Nationalmannschaften. 

Kaum jemand lebt noch dort, wo er oder sie aufgewachsen ist. Gesellschaft, Sport und Kirche sind geprägt und herausgefordert von Migration, Mobilität und Pluralität. Die Realität ist komplexer geworden und zeigt sich nicht in einem geordneten Nebeneinander, sondern in einem dynamischen Miteinander – mit Chancen, Widersprüchlichkeiten und Konflikten. Damit Zusammenleben und Kirche-Sein gelingen kann, braucht es Begegnungen und Dialog. Die Missionen und die Woche der Religionen bieten Möglichkeiten dazu. 

Ich wünsche Ihnen viel Freude an den bunten Farben des Herbstes und am bunten Zusammensein mit Menschen. 

 

Kuno Schmid