Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Katholische Vielfalt

von Christiane Lubos

«Unser Bistum Basel ist nicht nur zweisprachig, sondern hier leben Christinnen und Christen vieler verschiedener Sprachen», so Bischof Felix Gmür an einem internationalen Scalabrini-Fest in Solothurn. Das bestätigt sich auch in allen Bereichen: unter den Engagierten und Gottesdienstbesucher/-innen, den Katechet/-innen und Pastoralassistent/-innen, den Priestern und Ministrant/-innen, den Kommunionkindern und Firmlingen … So wird es immer alltäglicher, vor Ort die Weltkirche zu erfahren. Im Kleinen spiegelt sich das Ganze. 

Vom Gast- zum Heimspiel
Alle Einheimischen – gleich wo auf der Welt – laufen Gefahr, die «anderen» als «Gastspieler» wahrzunehmen. Doch in der katholischen Kirche ist jede und jeder, gleich welcher Sprache oder welchen Ritus als getaufter und gefirmter Christ Glied der einen Kirche. So gibt es eigentlich auch keine Gäste und Gastgeber, kein Ihr und Wir, keine Fremden und Einheimischen. Jeder Gottesdienst, jede mit dem Glauben verbundene Aktivität, jede «Mannschaft» gleich welcher Sprache oder ethnischen Gruppe hat ein «Heimspiel». In der Praxis muss das allerdings oft erst noch umgesetzt werden.

«Nah und anders – eine Kirche in vielen Sprachen»
Unter diesem Titel fand 2014 für alle Hauptamtlichen im Bistum Basel die obligatorische Weiterbildung statt. Dies zeigt, wie wichtig es ist, dass wir über diese Themen miteinander sprechen, positive Erfahrungen austauschen und neue Schritte gemeinsam wagen. Es lohnt sich, denn es geht um den Kern unseres Glaubens. Die Geburtsstunde der Kirche war nämlich Pfingsten: «Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. […] Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. […] Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: […] Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören» Apg 2,1 – 8. 

Wie viele Muttersprachen werden in unseren Pfarreien neben (Schweizer-)Deutsch gesprochen?! Englisch, Kroatisch, Tamilisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Ewe, Arabisch, Portugiesisch, Tigrinha, Albanisch, Ungarisch, Tagalog, Serbisch, Vietnamesisch, Polnisch, Türkisch, Rumänisch, Hindi … und wohl noch einige andere mehr. 

Es braucht Zeit und Freiheit
Nicht immer ist es einfach, Brücken zu schlagen zwischen Sprache und Traditionen aus dem Herkunftsland und dem neuen Leben vor Ort. «Transformationskompetenz» nennen es die Pädagogen: Aus dem Bisherigen das Bedeutsame herausfiltern und es in Bezug setzen zum Neuen, das Wertvolle bewahren und in das Neue überführen. Dieser Prozess braucht Zeit und Freiheit – vor allem, wenn es um Wesentliches geht, um innere Werte und um Glauben. In diesem sehr sensiblen Übergang gibt es keine Automatismen und darf es keinen Druck von aussen geben. Zu viel steht auf dem Spiel, denn es besteht Gefahr, dass der Spagat zwischen Bisher und Jetzt im Nichts endet – vor allem bei der jungen Generation.

Brutkästen und Sprungbretter der Communio
«Anderssprachige Missionen» bieten Menschen mit Migrationshintergrund deshalb diese innere Heimat. Dort wird in der Muttersprache gebetet und gefeiert, werden bekannte Lieder gesungen, Traditionen gepflegt. Das hat auch etwas mit Wärme, einem Dazugehörigkeitsgefühl, mit Gemeinschaft zu tun. Auch hier besteht jedoch eine Gefahr, nämlich dass sich die bestehenden Strukturen parallel entwickeln. Da braucht es Wachsamkeit von allen Seiten. Die anderssprachigen Missionen dürfen weder ein Museum noch ein folkloristischer Verein werden, sondern sie sind wertvolle Brutkästen nach innen, aber auch Sprungbretter der Communio nach aussen. Sie sind Netzwerke für ein neues Miteinander.

Sie haben ihre Berechtigung so lange es Menschen gibt, die sich dort zuhause fühlen und die dort lernen können, ihre vielfältigen Migrationsgeschichten im Licht des Glaubens zu deuten. Das sind nicht nur Migranten der ersten Generation, die seit Jahrzehnten in der Schweiz leben. Im Zuge der Globalisierung kommen heute erneut junge Leute und Familien aus Ländern wie Italien, Portugal, Spanien zu uns, die sich erst einmal orientieren müssen und in den «Missionen» Anschluss finden. Es sind aber auch die jungen Menschen der zweiten und manchmal sogar dritten Generation, die hier etwas finden, was sie woanders vermissen. Sie gilt es nicht zu verlieren, denn gerade sie können zu Brückenbauern nicht nur zwischen Kulturen, sondern auch im Glauben werden. So lautet zum Beispiel das Motto der Italienisch Katholischen Mission in Solothurn Messaggeri di comunione, Boten der Communio. Das entspricht auch dem Schwerpunkt des Seelsorgeteams bei den vielfältigen Gelegenheiten in der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Pfarreien in den Dekanaten. 

Uns allen ist bewusst, dass sich in Zukunft vieles ändern wird und muss, Strukturen, Verantwortungen, Zusammenarbeit … Aber wir alle wissen, dass der Weg dahin nur über eine gegenseitige Wertschätzung im Hier und Jetzt geht.

Katholische eritreische Christinnen und Christen unter uns
Wie wertvoll ein Austausch auf Augenhöhe unter Christen verschiedener Herkunft sein kann, zeigt sich immer wieder: Offen und mit einer beeindruckenden Natürlichkeit erzählt z. B. Zerit Firmlingen von seinen Erfahrungen als Flüchtling, aber auch als Christ. Seine Worte treffen und stellen infrage: «Als ich zum ersten Mal am Sonntag in der Schweiz in eine Kirche ging, war ich sehr erstaunt. Nur einige ältere Leute waren dort zum Gottesdienst. Bei uns ist die Kirche voller junger Leute. Nicht weil sie müssen, sondern weil wir uns dort zum Beten und zum Feiern treffen. Warum geht ihr nicht hin? Was bedeutet euch der Glaube im Leben»?

Eritreische katholische Christen sind eine kleine Minderheit, die erst seit Kurzem in der Schweiz leben. Es sind meist aber engagierte, lebendige junge Menschen und Familien. Im Dekanat Solothurn finden die wöchentlichen Gebetstreffen in der Kirche in Bellach statt. Jeden Samstag treffen sich die Kinder in der Pfarrei in Grenchen und die jungen Leute im IBZ-Scalabrini zur Katechese und zu Chorproben. Geleitet werden sie auf ehrenamtlicher Basis. Da geht es laut und fröhlich zu, es wird gesungen und in der Muttersprache gebetet, in der Bibel gelesen und der Glaube mit dem Alltag in Verbindung gebracht. 

Ein Leib und viele Glieder
Vom Nebeneinander zum Miteinander – darin liegt die Herausforderung auch in unseren Pfarreien: Ein einziger Leib aus vielen verschiedenen Gliedern. Es braucht Schritte von beiden Seiten, da sind wir alle Lernende. Es kann uns manchmal ein wenig fremd erscheinen, in anderen Sprachen zu singen und zu beten, andere Traditionen kennenzulernen – und das nicht nur im Urlaub, sondern bei uns zu Hause, in der eigenen Kirche. So wie vor Kurzem bei der Abschlussfeier zum Jubiläumsjahr in Fatima, welche die portugiesischen Katholiken mit grossem Einsatz in Solothurn vorbereitet haben. Das kann uns aber auch zum Staunen bringen und anstecken – wie vor 2000 Jahren. 

 

Adressen für anderssprachige Seelsorge und weitere Informationen sind zu finden unter www.migratio.ch, der Dienststelle der Schweizer Bischofskonferenz für Mi­gration und Menschen unterwegs. 

 

Christiane Lubos ist Mitglied des Scalabrini-Säkularinstitutes. Sie leitet in Solothurn das Firmprojekt und ist Dozentin für Interkulturelle Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule FHNW.