Aktuelle Nummer 24 | 2017
12. November 2017 bis 25. November 2017

Schwerpunkt

SOLOTHURNER KIRCHENBAU

von Kuno Schmid

Die Liturgiereform rund um das 2. Vatikanische Konzil beeinflusste den modernen Kirchenbau. Vor fünfzig Jahren wurden im Kanton Solothurn die ersten modernen Kirchen gebaut, die sich auch architektonisch an der neuen Liturgie orientierten.

Für die Menschen waren die Neuerungen durch das zweite Vatikanische Konzil (1962 – 1965) am deutlichsten in der Liturgie wahrnehmbar. Die Gottesdienste wurden nun in den Landessprachen gestaltet und der Priester zelebrierte die Messe in Richtung der Gläubigen. Sie sollen sich aktiv an der Feier beteiligen können. Dazu musste in den Kirchenräumen einiges umgebaut werden. Sogenannte Volksaltäre waren nötig, weil es nur in wenigen Kirchen einen freistehenden Hauptaltar gab. Die Chorschranken und Kommunionbänke mussten weichen, Dekorationen und Ausgestaltungen zugunsten der zentralen Symbole ausgeräumt werden. Für die einen änderte sich überraschend viel, andere haben seit Jahren auf diese Erneuerungen gewartet. 

Neue Kirchen 
Im Kanton Solothurn wurde unmittelbar nach dem Konzil nicht nur umgebaut, es gab auch fünf Neubauten. Weitere folgten in den Siebzigerjahren. Sie alle setzten architektonisch die Anforderungen und den Geist der erneuerten Liturgie um. 

Fehren und Aedermannsdorf 
Die Kirchen in Fehren und Aedermannsdorf (beide 1967) wurden beide vom Architekten Walter Moser erbaut. Er gestaltete den modernen Sakralbau in der Schweiz entscheidend mit und verband modernes Bauen mit der Symbolik der erneuerten Liturgie. Seine zahlreichen katholischen Neubauten zeichneten sich durch schlichte, klare Formgebung aus, die den liturgischen und ästhetischen Ansprüchen entsprechen. Er konzipierte die Kirchen von innen nach aussen, von der Liturgie auf das Gebäude. Wie ein Zelt überdachten seine Gebäude die versammelte Gottesdienstgemeinde. 

Lommiswil 
Für die Kirche in Lommiswil konstruierte Ingenieur Heinz Isler ein Betonschalentragwerk. Diese Technik wurde erstmals für eine Kirche verwendet. Heinz Isler machte sich mit der Entwicklung der Betonschalenkonstruktion einen internationalen Namen. In der Region sind besonders seine Schalendächer über der Autobahnraststätte Deitingen (Silberkugel) oder den Tennishallen Grenchen bekannt. Die Kirche wurde 1967 von Architekt Roland Hanselmann gebaut und 1968 eingeweiht. Hanselmann konzipierte die Ummantelung des Hauptraumes mit spiralartigen Formen. Die Schalenwände von Turm und Vorplatz leiten in die Kirche und zum Chorraum hin. 

Breitenbach und Bettlach 
In Breitenbach (1966) und Bettlach (1969) baute Walter Förderer neue Kirchen. Förderer war nicht nur der Star unter den Architekten für den katholischen Kirchenbau, sondern auch Künstler und Bildhauer. Seine in Sichtbeton gestalteten Kirchen wurden zu monumentalen Kunstwerken. Die subjektive Raumgestaltung wirkt verschachtelt und ist geprägt von verspielter indirekter Lichtführung. Er baute nicht nur um eine liturgische Mitte herum, sondern konzipierte eine begeh- und erlebbare Gesamtplastik mit Innenhof und einem markanten Turm als Eingangstor.

Was sind aber nun die Merkmale des neuen Kirchenbaus?

Der Altar 
Wichtig ist die Wiederherrichtung der zentralen Bedeutung des Altars. Er ist das Symbol der göttlichen Gegenwart. In seiner Grundgestalt ist er der Tisch des Herrn für die Feier des Mahles von Brot und Wein. Er steht aber auch für Christus, den lebendigen Stein (1 Petr 2.4), und versammelt das Volk Gottes um sich herum. An dieser vom Konzil neu betonten Grundbedeutung müssen sich alle anderen kirchenbaulichen Einrichtungen orientieren. So ist es nicht mehr sinnvoll, mehrere Altäre in neue Kirchen zu bauen, weil es nur einen Gott und nur einen Christus gibt. Auch das Kreuz und der Tabernakel müssen zugunsten des Altars zurücktreten. In allen Solothurner Neubauten findet sich diese zentrale Stellung des Altars. Für den Tabernakel ist eine Stehle oder Nische eingerichtet.

Der Ambo 
In allen neuen Kirchen kommt auch dem Ambo, dem Tisch des Wortes eine prominente Stellung zu. Vom Ambo aus werden die biblischen Lesungen vorgetragen. Die Liturgiereform rief neu in Erinnerung, dass Christus im verkündeten Wort ebenso gegenwärtig ist, wie in Brot und Wein der Eucharistie und in der Gemeinschaft der versammelten Gemeinde. Der Ambo ersetzt die Kanzel. Nicht mehr von oben herab, sondern auf Augenhöhe möchte die Verkündigung die Gläubigen erreichen.  

Taufstein
Der Ort des Taufsteins ist nicht festgelegt. Die neue Osternachtliturgie erfordert die Taufwasserweihe und Tauferneuerung im Chor bei Altar und Osterkerze. Die Taufe soll als Feier der Gemeinde in die Mitte des Gotteshauses rücken. Walter Moser folgt in Aedermannsdorf und Fehren dieser theologischen Argumentation und stellt den Tauf-stein in den Chorraum. Der Taufstein kann jedoch seinen Ort auch am Eingang der Kirche haben, weil die Gläubigen durch die Taufe aufgenommen und beim Betreten durch das Weihwasser an die Taufe erinnert werden. Diese Lösung wählt Walter Förderer in Bettlach. 

Kirchenraum für die Gemeinschaft 
Die Communio, die Glaubensgemeinschaft, entsteht aus der Kommunikation zwischen Gott und Mensch, aber auch zwischen den Liturgievorstehenden und den Gemeindegliedern. Für die neuen Kirchen werden gemeinschaftsbetonende, runde oder polygonale Grundrisse errichtet, mit dem Altar als Zentrum. Die Anordnung von Bänken für die Gläubigen und Sitzen für die Liturgievorstehenden unterstützen den Communio-Gedanken und ermöglichen allen die aktive Teilnahme am Gottesdienst. Auch die Empore für den Kirchenchor und die Orgel wird so angelegt, dass sie Teil der Gemeinde ist. Die kirchlichen Räume sollen der Begegnung und Pflege der Gemeinschaft dienen und werden deshalb ergänzt durch Gruppen- und Gemeinschaftsräume. 

Quellenhinweis: Fabrizio Brentini, Bauen für die Kirche. Katholischer Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in der Schweiz, Luzern 1994.  

Die Liturgische Bewegung
«Beim Bau von Kirchen ist sorgfältig darauf zu achten, dass sie für die liturgischen Feiern und für die tätige Teilnahme der Gläubigen geeignet sind», formuliert der Konzilstext (SC 124). Mit der Formulierung «tätige Teilnahme der Gläubigen» bestätigte das Konzil die jahrzehntelangen Bemühungen der Liturgischen Bewegung. Diese Bewegung entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Jugendorganisationen und forderte gottesdienstliche Formen, an denen sich alle Gläubigen beteiligen konnten. An Jugendtreffen und in Zeltlagern wurden die ersten Gottesdienste gefeiert, bei denen sich die Jugendlichen um den Altar aufstellten und dem Priester wenigstens beim Lesen der lateinischen Messe zuschauen konnten. Viele Neuerungen wurden schon vor dem Konzil erörtert und erprobt, zugelassen oder dringend erwartet. Mit der Konstitution «Sacrosanctum Concilium» (SC) vom 4.  Dezember 1963 folgte das Konzil und Papst Paul VI. der liturgischen Bewegung und leitete die Liturgiereform ein.