Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Wahrnehmung 1 und 2

Wahrnehmung 1 und Wahrnehmung 2. Auf diese nüchterne Art unterscheidet der deutsche Pädagoge Horst Rumpf zwei Arten unserer Aufnahme- und Sehfähigkeiten. Mit Wahrnehmung 1 sind unsere visuellen Orientierungsmöglichkeiten gemeint, mit deren Hilfe wir rasch und angemessen reagieren und entscheiden können. Ob in einem Bahnhof, auf einer Verkehrskreuzung, am Handy oder hinter einer neuen Fernsehbedienung – oft genügen kurze Blicke, und wir wissen, was es zu tun gilt oder wo es langgeht. In unserer schnellen und bildgeprägten Welt haben wir gelernt, Motive, Zeichen und Signale rasch zu deuten und einzuordnen. Diese Wahrnehmung 1 ist für unser Leben und Überleben wichtig. Wenn sie aber alleine bleibt, dient sie einzig dazu, unser Leben als «Erledigungsrennbahn» zu optimieren. Darum braucht es eine Wahrnehmung 2. Sie kommt zum Tragen, wenn wir uns mehr Zeit nehmen, um eine Sache vertiefter zu betrachten, wenn wir verweilen und schauen, wenn wir nachdenken und uns am Schönen, am Überraschenden, am Irritierenden erfreuen. Nicht selten entdecken wir in der Kunst oder im Alltäglichen dadurch Besonderes und Unbekanntes. 

Die Wahrnehmung von Kirchen ist ein gutes Beispiel dafür. Mit den Formen Langhaus und Turm kennen wir ein klares Signalbild für eine Kirche und können sie in jeder Ortschaft sofort erkennen. Die moderne Architektur will diese Klischees aufbrechen. Mit neuen Formen und Anordnungen versucht sie, die Wahrnehmung 2 zu aktivieren. Ich habe mich selbst darauf eingelassen und die Kirchen im Kanton Solothurn, die vor rund fünfzig Jahren gebaut wurden, besucht und betrachtet. Ihre Bauweisen geben eindrücklich dem Religiösen Gestalt, markieren den Aufbruch nach dem Konzil und reduzieren auf Wesentliches. Man spürt die Liturgieerneuerung, die sagt, Bau und Gegenstände sollen funktional und zugleich Zeichen und Symbol überirdischer Wirklichkeit sein. Der Verzicht auf viel Dekor gibt den einzelnen Linien und Gegenständen Raum und Kraft. 

Ich lade Sie ein, eine Ihnen bekannte oder unbekannte Kirche im Modus der Wahrnehmung 2 zu besuchen und sich auf deren symbolischen Verweischarakter einzulassen. 

 

Kuno Schmid