Aktuelle Nummer 26 | 2017
10. Dezember 2017 bis 23. Dezember 2017

Schwerpunkt

Em Samichlaus uf  dr  Spur

von Kuno Schmid im Gespräch mit Heinz Bader, Samichlaus in Balsthal

Den Samichlaus habe ich in Balsthal getroffen und mit ihm gesprochen. Er hat mir erzählt, wie er Samichlaus geworden ist, wie er die Kinder besucht und wie das Brauchtum rund um den Samichlaus verstanden werden kann. 

Alle dabei, beim Samichlaus
Man könnte sagen, sie seien eine Sami­chlaus-Familie. Der Seelsorger Heinz Bader und seine drei erwachsenen Söhne sind alle als Samichläuse in Balsthal unterwegs. Organisiert wird der Samichlaus-Besuch im Dorf von den beiden Sportvereinen TV Balsthal und FC Klus-Balsthal. Die beiden Sportvereine bilden das Chlaus-OK, das alles vorbereitet: die Kleider und Utensilien, das Schminken, die Zeitpläne und Routen für die Samichläuse. Quartierchefinnen und Quartierchefs sorgen dafür, dass keine Familie vergessen geht. Zwanzig Chläuse besuchen am 6. Dezember rund 200 Kinder. Jeder Samichlaus wird begleitet vom Schmutzli und von einer Schar älterer Schulkinder, die den Samichlaus mit Kuhglockengeläut von Haus zu Haus «jagen». «Chlausjagerinnen» und «Chlausjager» werden sie genannt. Sie bilden die unterste Ebene in der Hierarchie eines Chlaus-Zuges. 

Wie wird man Samichlaus?
Heinz Bader: «Eine eigentliche Ausbildung für den Samichlaus gibt es nicht. Man braucht eine natürliche Ader, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. In der Regel muss man zuerst als Quartierchef und dann drei Jahre als Schmutzli mit dabei gewesen sein.» Heinz Bader ist aber nicht über die klassische Karriereleiter Samichlaus geworden. Als er jung war, hat er im falschen Turnverein Sport getrieben. Als Mitglied des katholischen Turnvereins war er damals nicht zum Samichlaus-Treiben zugelassen. Später haben die Turnvereine jedoch fusioniert. Seine Söhne engagierten sich in Sport und Brauchtum, wurden gar Samichlaus und haben dem Vater den Weg geöffnet. 
Als Quereinsteiger brachte er einige Erfahrungen von privaten und schulischen Samichlauseinsätzen mit. 

Der Samichlaus-Besuch 
Wenn der Samichlaus mit dem Schmutzli ein Haus betritt, verstummen die Glocken der Klaustreiber. Es wird still und der Samichlaus spricht seinen Segen: «Der Friede sei mit euch!» Heinz Bader: «Zu Beginn bitte ich um einen Stuhl, damit der Sami­chlaus etwas ausruhen und mit den Kindern auf Augenhöhe sprechen kann. Mit der Mitra ist man immer noch gross.» Einige Familien sind schon auf den Besuch vorbereitet, bei anderen muss er sich zuerst Respekt verschaffen und eine Besuchsatmosphäre einrichten. Manchmal muss er zuerst darum bitten, den Fernseher auszuschalten. Er sagt den aufgeregten Kindern, wo sie hinsitzen müssen und wie das Programm nun abläuft. Es gibt Kinder, die sich sehr auffällig benehmen, um ihre Angst zu überspielen. Auch die Erwachsenen müssen zurückgebunden werden, damit sie sich nicht ständig einmischen. Denn jetzt führt der Samichlaus Regie. Er lässt zuerst die Kinder erzählen, was sie gut können oder gerne tun. Oft zeigen sie dem Samichlaus dann etwas von ihrem Können oder sagen ein Versli auf. Heinz Bader: «Als Samichlaus nehme ich auch die Situation im Wohnzimmer wahr. Einmal sah ich ein Klavier dastehen und fragte, ob jemand für den Sami­chlaus etwas vorspielen möchte. Da hat sich eine Jugendliche hingesessen und spontan etwas gespielt. Das war für alle sehr berührend.» Der Samichlaus muss auch aufmerksam sein, wie es den einzelnen Familienmitgliedern geht: «Einmal erkannte ich eine traurige Frau, die ihren Mann verloren hatte. Ich habe sie angesprochen, einbezogen, ihr Gutes gewünscht.» Empathie und Lebens­erfahrung sind wichtige Eigenschaften des Samichlaus. 

Samichlaus-Pädagogik
Die Eltern haben unterschiedliche Ansprüche an den Samichlaus. Das bringt der Zettel zum Ausdruck, der dem Samichlaus beim Eintreten ins goldene Buch gesteckt wird. Der Samichlaus muss nun improvisieren und die Kinder so in ein Gespräch verwickeln, dass die Anliegen auf dem Zettel zur Sprache kommen. Oft werden die Erwachsenen miteinbezogen. Heinz Bader: «Als erfahrener Samichlaus und Seelsorger kenne ich viele Kinder und kann selber nachfragen, etwas ergänzen oder ansprechen.» In Balsthal ist jedoch die Weisung des Chlausen-Präsidenten klar: Der Sami­chlaus ist ein lieber Mann, er meint es gut mit den Kindern. Und wenn es dann doch eine Rute gibt? Heinz Bader: «Mich haben Kinder schon daran erinnert, dass man niemanden schlagen dürfe. Und sonst sage ich den Eltern, dass die Rute nicht zum Schlagen dienen dürfe.» Die Rute sei ein Erinnerungszeichen an den Samichlaus und an das, was er gesagt habe.

Und wie modern ist der Samichlaus?
Hat er auch ein Handy? Wo kauft er die Sachen ein? Ist er mit dem Auto gekommen oder wo ist der Esel? «Gefitzte Kinder stellen wirklich solche Fragen. Man muss situativ darauf eingehen, das gibt oft gute Gespräche», sagt Heinz Bader. Wichtig sei es, aus jeder Situation ein Gespräch zu entwickeln, Fragen zu stellen, bei denen nicht mit Ja oder Nein geantwortet werden kann. «Das muss die Stärke des Samichlaus sein.» 
Manchmal werde er auch erkannt. Im Gespräch vermischt es sich dann zwischen Samichlaus und Heinz. Aber das stört nicht und macht die Situation glaubwürdig. Die Atmosphäre bleibt eine Besondere: Der Samichlaus wird selbst für manche Erwachsene real, wenn er da ist, auch wenn man weiss, wer unter dem Kleid ist. Gerade ältere Menschen erinnern sich gerne an eigene Samichlaus-Erlebnisse und schöpfen Kraft aus der Begegnung. Heinz Bader meint, er werde gerade von älteren Menschen auch später wieder auf die Samichlaus-Rolle angesprochen. 

 

Samichlaus-Brauchtum
In Balsthal und anderen Dörfern der Solothurner Landschaft wiederholt das Samichlaus-Brauchtum jährlich «vor jedem Haus gleichsam die Christianisierung», schrieb Deubelbeiss 1958. Mit Geisselnchlöpfen («Hindertsigeisseln») und Glockengeschell werden Samichlaus und Schmutzli durch die Strassen gejagt. Ein Treiben, das an die vorchristliche Bewältigung der Angst vor Sturmgöttern und bösen Geistern erinnert. Doch sobald der Samichlaus in ein Haus eintritt, wird es still und er sagt: «Der Friede sei mit euch». Als christliche Figur ist er der Vorbote von Weihnachten und bändigt die dunklen Gestalten. Sobald er jedoch das Haus verlässt, geht das wilde «Samichlaus-Jagen» weiter. Das wiederholt sich von Haus zu Haus. Am Schluss kehren alle Samichläuse aus den Quartieren ins Dorfzentrum zum bekannten Chlausen-Umzug mit allen Beteiligten zurück. Der Samichlaus steht hier für ein christlich geprägtes, säkulares Brauchtum. Archetypische Erfahrungen wie die Spannung zwischen Lärm und Stille, zwischen der Geborgenheit drinnen und der Bedrohung draussen, zwischen der bedrückenden Dunkelheit der langen Winternächte und der Hoffnung auf das kommende Licht, werden inszeniert. Das Brauchtum ist Ausdruck der Verbindung von menschlichen Grunderfahrungen mit der christlichen Botschaft und zeigt tatsächlich eine adventliche Christianisierung, die jedes Jahr wieder ansteht. Mancherorts wurde schon versucht, dieses Brauchtum mit einem «richtigen, katholischen» St. Nikolaus zu verdrängen. Aber die Kraft dieser elementaren Symbolik hat vielem widerstanden. 

 

Quellenhinweis: Deubelbeiss, Heinrich: Sagen und Erzählungen aus Balsthal, Solothurn 1958.