Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Zuerst die Gaben

Der Samichlaus sah alles. Er öffnete sein goldenes Buch, lobte die Kinder, wenn sie brav waren und tadelte sie für ihre Untaten. Vor diesem Moment fürchteten wir uns als Kinder immer wieder, denn seine guten Gaben oder die Rute waren abhängig von dieser Bilanz. Das Samichlaus-Ritual spiegelte die religiösen Vorstellungen, dass Lohn und Heil allein abhängig seien von unserem braven Verhalten und unseren guten Taten. Wie gut, dass uns das Luther-Gedenkjahr wieder in Erinnerung gerufen hat, dass die Reihenfolge im Christentum gerade umgekehrt ist. Zuerst steht der göttliche Zuspruch, daraus folgt der Anspruch, zuerst die Gabe, dann die Aufgabe. 

Heute fühlen wir uns weniger vom Samichlaus beobachtet als vielmehr von Videoüberwachungen, Datenerfassungen und der Verfolgung unserer digitalen Spuren. Mit «Google Earth» oder anderen Computer-­Programmen können wir selbst von hoch oben auf jeden Punkt der Welt herunterzoomen und uns an dieser Überwachung ein Stück weit beteiligen. In dieser kontrollierten Welt werden wir nicht primär mit moralischen Kriterien konfrontiert, sondern mit dem Anspruch: Mach etwas daraus, mach etwas aus deinem Leben! Nutze die Zeit, pack es an, stell dich hin! Es liegt an dir, erfolgreich und gesund zu werden, einzigartig zu sein und gross herauszukommen. Es ist eigentlich dieselbe Botschaft wie damals rund um den Samichlaus: Erfolg und Lohn sind allein abhängig von unserer Leis-

tung und unserem Verhalten. Die Erfahrungen von Brüchigkeit, Vergänglichkeit, Zweifel und Scheitern scheinen in dieser gnadenlosen Welt keinen Platz zu haben. Aber sie gehören ebenso zum Leben. Die Spannung zwischen hohen Zielen und Misserfolgen, zwischen Anspruch und Unvermögen sind der Stoff von Romanen und Fernsehserien. Es sind auch die Motive zahlreicher biblischer Geschichten. Diese bringen jedoch immer wieder die andere Reihenfolge zum Ausdruck: Zuerst bist du angenommen, so wie du bist. Vertrau darauf und du erhältst die Kraft, dein Leben gut zu gestalten. 

Ich wünsche Ihnen besinnliche Adventstage und anregende Begegnungen mit dem Samichlaus. 

 

Kuno Schmid