Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Engagiert und ungeduldig

Zuerst war es nicht die Ökumene, die uns damals nach Taizé zog. «Taizé» war eher ein Sehnsuchtsort, an dem sich der politisch-gesellschaftliche Aufbruch der Jugend «nach 1968» mit gelebtem Christsein verbinden liess. Das gabs zwar auch in den kirchlichen Jugendverbänden. Aber in Taizé kam das internationale Flair dazu. Ich hatte hier erstmals Jugendliche aus anderen Ländern kennengelernt, die mit ähnlichen Fragen unterwegs waren. Es kamen sogar einige aus Spanien und Portugal, die unter faschistischen Diktaturen litten. Aus Osteuropa war niemand da, der eiserne Vorhang hielt noch dicht. Und es war faszinierend, wie sich die engagierte Vielfalt von Konfessionen, politischen Gesinnungen und Sprachen in den einfachen Taizé-Gesängen zu einer nachdenklichen Gebetsgemeinschaft zusammenfand. Das jugendliche Verlangen nach Überwindung von Grenzen und Unterdrückung verband sich mit dem ökumenischen Anliegen der Communauté von Taizé nach Versöhnung zwischen den Kirchen. Die europaweite Bewegung mündete ins «Konzil der Jugend», das 1974 von Frère Roger mit 40 000 Jugendlichen eröffnet wurde. Doch die jugendliche Begeisterung spürte schon bald Gegenkräfte: Erneuerung und Mitbestimmung gingen zu weit, Anliegen waren zu «links», für ökumenische Schritte sei es zu früh, es brauche Geduld, Warten, Advent. 

Der kirchliche Aufbruch wurde insgesamt ausgebremst und fast eine ganze Generation engagierte sich fortan ausserhalb der Kirchen weiter. Aus dem «Konzil der Jugend» wurde zwar der «Pilgerweg der Versöhnung». Damit wurde der Weg zu den spirituellen Quellen und zur gelebten Ökumene in Taizé offengehalten. Aber auch für diejenigen, die dabeiblieben, wuchsen «Ungeduld und Ärger», wie es der engagierte Katholik und deutsche Bundestagspräsident Norbert Lammert am Reformationsgedenktag in Bochum ausdrückte. Er meinte, wenn die Ökumene nicht mehr an Glaubensfragen, sondern am «Amtsverständnis» anstosse, sei es doch deutlich, dass nicht nur theologische, sondern auch Machtfragen die Agenda bestimmen. Advent heisst, nicht nur geduldig warten, ob was von oben kommt. Advent meint auch, unten engagiert den Weg bereiten, neue Wege suchen für die Überwindung von Grenzen, für Freundschaft und Gerechtigkeit, für die Ankunft Gottes in der Welt. 

Ich wünsche Ihnen eine engagierte und durchaus etwas ungeduldige Adventszeit. 

Kuno Schmid